Empfehlen | Drucken | Kontakt03.12.2009 - 20:19 Uhr

Diktator: Stalin ließ nackte Mädchen im Kreml tanzen

Von Irina Schrecker

Der linke Arm war kürzer als der rechte. Zwei Zehen waren zusammengewachsen. Er war von schmächtiger Gestalt, das Gesicht voller Pockennarben.

Dennoch wirkte er nicht abstoßend. Die Frauen in seinem Leben beschrieben seine braunen, kaukasisch-romantischen Augen. Augen, die täuschten, die nichts wahrnahmen.

Nach innen gerichtete böse Augen, fixiert nur auf eines – sich selbst. Sein Name: Josef Stalin. Neben Hitler das größte Monster des 20. Jahrhunderts. Es gab viele Frauen in seinem Leben. Viele Liebschaften. Das bestätigt der englische Historiker Simon Montefiore, der zehn Jahre in Archiven wühlte, um das Wesen des blutrünstigen Diktators zu ergründen. „Stalin zog Frauen an – auf eine Johnny-Depp-Art, aber Frauen standen auf seiner Prioritätenliste ziemlich tief unten.“

Während seiner letzten Verbannung an den Polarkreis legte der 34-Jährige Lidija flach, die 13-jährige Tochter seiner Wirtin, schwängerte sie – und verschwand.
Er soll in der sibirischen Verbannung noch zwei uneheliche Söhne gezeugt haben, an die er keinen Gedanken verschwendete: „Mein Hund Tischka war mein Gefährte.“

Ehefrau Nummer 1 ging an Typhus zugrunde, weil sie in der verseuchten Hitze Bakus nicht von Stalins Seite weichen wollte. Bei Katos Tod bekannte er: „Dieses Geschöpf hat mein steinernes Herz erweichen können. Mit ihr sind meine letzten Gefühle für alle menschlichen Wesen gestorben.“

Die 22 Jahre jüngere Nadja wurde Ehefrau Nr. 2. Für seine Gattin opferte der Nachtarbeiter wenig Zeit. Nach 14 Ehejahren erschoss sie sich. Aus ihrer Krankenakte geht hervor, dass sie an unerträglichen Unterleibsschmerzen infolge häufiger Abtreibungen und schweren psychischen Störungen litt.

Ob es eine Nummer 3 mit Trauschein gab, ist bis heute unter Geschichtsschreibern umstritten. Hatte der Kreml-Herrsche Sehnsucht nach einem Heim, erwählte er eine Frau – freilich ohne Heiratsabsichten.

Jewgenija Pawlowna Mowschina ereilte dieses Schicksal. 23 Jahre alt, tizianrote Locken, dunkelbraune Augen, weißer Teint, Nichte eines Politbüromitglieds. Sechs Jahre dauerte diese „Ehe“, angefüllt mit seinen Affären, die sie ohne Murren ertrug. Bis Stalin eines Tages früher nach Hause kam und sie im Bett mit seinem persönlichen Sicherheitschef erwischte.

Wie von Sinnen schlug er auf die beiden Sünder ein, bis sie aus Mund und Nase bluteten, zerrte sie nackt an den Haaren aus dem Schlafzimmer. Er ließ Geheimdienstchef Lawrentij Berija rufen, befahl: „Schaff mir diese giftigen Schlangen aus den Augen! Sorge dafür, dass ich ihnen oder ihren stinkenden Namen nie mehr begegne!“ Das Todesurteil für die beiden „Verräter“.

Für Stalin waren Frauen ohnehin nur auf der Welt, um die sexuellen Bedürfnisse des Mannes zu befriedigen. Nun gesellten sich Rachegelüste hinzu. Sie sollten büßen – alle! Sein Sekretär Melchis musste eine Liste mit Altersangaben aller weiblichen Angestellten des Zentralkomitees erstellen. Fast jeden Tag befahl er ein anderes Mädchen unter 20 in sein Büro. Sie waren in Tränen aufgelöst, wenn sie Stalins kleines Büro verließen. Bett, Schreibtisch, zwei Telefone. Der Raum neben Stalins kugelsicheren Privatgemächern diente als karges Liebesnest, wenn er sich mit einer seiner vielen Mätressen vergnügte. Manchmal mussten die Mädchen nackt vor ihm tanzen, während er sich in seinem Sessel räkelte, sie beäugte, als wären sie Ballerinas des Bolschoi-Theaters. Zur Musik klatschte er in die Hände.

Ballett war seine Leidenschaft. „Schwanensee“ sah er zwanzigmal. Stalins sexuelle Ausschweifungen dauerten bis zur nächsten wilden Ehe mit Lida („Lidotschka“). Größer als Stalin, sehr hübsch, dunkelbraunes Haar, große blaue Augen. Sie war schon 40, wirkte aber wie 30. Einmal beklagte er sich bitterlich bei Berija: „Sie versucht mir zu sagen, was ich zu tun habe, statt auf mich zu hören.“ Als der fragte, warum er sie nicht hinauswerfe, setzte er ein mildes Lächeln auf: „Sie glaubt sich im Recht. Sie meint es gut, will nur mein Bestes.“

Das war etwas, was Stalin verstehen konnte, was beide verband. Montefiore: „Er glaubte, dass er bei allem, was er tat, im Recht sei. Er war eine messianische Figur.“ Das ist die gefährlichste Eigenheit von Diktatoren: Sie halten sich für unfehlbar, für Gott. Stalin, ein notorischer Frauenheld? Der britische Historiker will nicht einmal dies zweifelhafte Etikett gelten lassen. „Ein Schürzenjäger hat eine besondere, überschwängliche Freude an Frauen. Ein Frauenheld lebt für die Frauen, für die Freuden des Fleisches. Stalins Hauptinteresse galt der Revolution und sich selber.“

Die Verächtlichkeit gegenüber dem weiblichen Geschlecht vererbte Josef Stalin an den Sohn, verdarb dessen Seele, so wie seine vergiftet war. „Ein junger Mann muss Spaß haben“, stachelte er den Erstgeborenen an. Bevor er 15 war, wusste man von Wassili, dass er unzählige Stenotypistinnen
und Sekretärinnen im Kreml vernascht hatte. Kein Mädchen war vor ihm sicher.

Nur einmal bekam er den geballten Zorn des Vaters zu spüren. Als er Vera Smirnowa verführte, sah der Despot rot. Die 17-jährige Bürokraft gehörte schließlich zu seinem Harem! Wassili kriegte einen Monat Stubenarrest – Smirnowa wurde erschossen.

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