Kein Tag vergeht ohne neue furchtbare Nachrichten aus deutschen Klöstern, Internaten und Eliteschulen. Hinter den Kirchenportalen und Mauern spielten sich schreckliche Dramen ab. Kinderseelen wurden zerstört, die traumatischen Erlebnisse verfolgen die Menschen bis ins hohe Alter. Prügel und Folter, sadistische Lehrer und sexbesessene Mönche: Sie trieben mit den hilflosen Kindern ihr Unwesen.
Und es gibt neue unglaubliche Vorwürfe. Diesmal gegen Lehrer der Odenwaldschule in Heppenheim. Schulleiterin Margarita Kaufmann räumt ein: „Es ist für mich eine Tatsache, das hier mindestens seit 1971 sexueller Missbrauch stattgefunden hat.“
Ehemalige Schüler berichteten, sie seien von Lehrern regelmäßig durch das Streicheln der Genitalien geweckt und als „sexuelle Dienstleister“ für ganze Wochenenden eingeteilt und zu Oralverkehr gezwungen worden. Einzelne Pädagogen hätten ihren Gästen Schüler zum sexuellen Missbrauch überlassen. Lehrkräfte hätten Schutzbefohlene geschlagen, mit Drogen und Alkohol versorgt oder beim gemeinschaftlichen Missbrauch eines Mädchens nicht eingegriffen.
Erste Vorwürfe gegen den Rektor Gerold Becker, der die Schule von 1971 bis 1985 leitete, gab es nach Angaben der Schule auf ihrer Internetseite schon 1998. Die Taten seien damals aber bereits verjährt gewesen. Die Odenwaldschule mit gut 200 Schülern ist eine Unesco-Modellschule. Zahlreiche Prominente gehören zu ihren ehemaligen Schülern, darunter der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit und Klaus Mann.
Unterdessen sprach der Regisseur und Komponist Franz Wittenbrink, der bis 1967 im Regensburger Internat der Domspatzen lebte im „Spiegel“ von einem „ausgeklügelten System sadistischer Strafen verbunden mit sexueller Lust“, das dort bestanden habe. Internatsdirektor Z. habe sich im Schlafsaal einige Jungs ausgesucht, die er in seine Wohnung mitnahm. Dort habe es Rotwein gegeben und der Priester habe mit den Minderjährigen masturbiert. „Jeder wusste es.“
Die Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim gilt als eine der bekanntesten deutschen Reformschulen. Vor 100 Jahren vom Pädagogen Paul Geheeb (1879-1961) gegründet, stellt sie bis heute das Lernen in Gemeinschaft in den Vordergrund.
Die gut 200 Internatsschüler wohnen in rund 30 Gruppen, gemischt nach Alter und Geschlecht. „Schüler und Lehrer leben zusammen unter einem Dach im selben Haus, auf demselben Flur, essen zusammen und: sie duzen sich“, beschreibt die Odenwaldschule im Internet das Leben in der Schulgemeinde. „Familienoberhaupt ist jeweils ein Lehrer.“ Als Leitwort hat sich die Schule in freier Trägerschaft den Satz des griechischen Philosophen Pindar gewählt: „Werde, wer du bist.“
Seit 1963 gehört sie als UNESCO-Projektschule einem weltweiten Schulnetzwerk der UN-Kulturorganisation an, das sich internationaler Verständigung, Nachhaltigkeit und interkulturellem Lernen verpflichtet fühlt und Themen wie Menschenrechte, Umweltschutz und Toleranz behandelt. 2005 kürte sie das Wirtschaftsmagazin „Capital“ zur besten hessischen Schule mit gymnasialer Oberstufe, bundesweit kam sie auf Platz fünf.
Zuletzt profilierte sich die ländlich gelegene Odenwaldschule auch als Alternative zum achtjährigen Gymnasium (G8). Als Gesamtschule bietet sie Haupt- und Realschule sowie das Abitur nach neun Jahren. Sie setzt auf selbst organisiertes Lernen und verbindet dies mit Berufsausbildungen. Das Schulgeld für die Internatsschüler beträgt auf der staatlich anerkannten Ersatzschule über 2000 Euro im Monat.
Auf der Liste der ehemaligen Schüler des Internats stehen prominente Namen. Schriftsteller Klaus Mann war so nach Angaben der Schule im Odenwald. Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit besuchte die Schule von 1958 bis 1965. Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker schickte einen seiner Söhne auf die Schule.
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