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Empfehlen | Drucken | Kontakt 28.12.2012 - 14:48 Uhr

Katja S. (40): Meine Tochter rettete mich aus der Drogen-Hölle

Von ANDREA KAHLMEIER
Nathalie kämpfte für ihre drogensüchtige Mutter - mit Erfolg

Dass Katja noch lebt, grenzt an ein Wunder. Schon mit 15 hatte sie einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, war gierig nach dem Verderben.

Es gab keine Droge, die sich nicht ausprobiert hatte, keinen Typ, der ihr nicht ans Höschen durfte. Sie rutsche immer tiefer in die Hölle – bis die kleine Nathalie ihr einen Brief in den Knast schickte. „Mein Engel. Die Liebe meiner Tochter hat mich gerettet, sagt Katja (heute Anfang 40) leise.

Katja S. war ein „Unfall“. Im letzten Moment entschied die Mutter sich gegen die Abtreibung. Das Mädchen konnte die Ehe der Eltern auch nicht retten. Sie wuchs als Schlüsselkind auf. Mit zwölf kiffte sie, um gut draufzukommen, mit 15 hatte sie alles ausprobiert: LSD, Aufputschmittel, Speed, Heroin.

In einem Alter, in denen andere Teenies vorsichtig die Clubszene erkunden, kannte sie Amsterdam wie ihre Westentasche und hatte bereits die erste Abtreibung hinter sich. „Du Hure“, brüllte ihre Mutter, statt zu trösten.

Beginn einer Drogenkarriere, die jedes Krimi-Klischee erfüllt. Sie schmiss die Abschlussprüfung auf der Realschule, fälschte in ihrer Lehre als Arzthelferin Rezepte, kam meist zugedröhnt zur Arbeit – bis ihr Chef ihr den Stuhl vor die Tür setzte.

Egal, Katja hatte ja mittlerweile ein reiches Millionärssöhnchen kennengelernt, das der schönen Junkie-Frau verfallen war. Doch wieder einmal kam sie vom Regen in die Traufe. Mit ihm stürzte sie komplett in die Heroinsucht ab. Eine Therapie folgte der nächsten, bis sie in der Therapie schließlich auf Fred traf und schwanger wurde.

„Ich hatte solche Angst, rückfällig zu werden, dass ich vor lauter Panik von meinem Übergangsgeld den schönsten und teuersten Kinderwagen kaufte, den ich finden konnte“, erinnert sie sich. Nathalie kam mit 4370 Gramm auf die Welt. Ein Wunder. Ihr Engel war da.

„Ich tat alles, um eine gute Mutter zu werden, backte sogar selbst Brot, ernährte mich gesund. Nie gab ich Nathalie aus der Hand oder ließ sie allein. Ich wollte um keinen Preis, dass sie leiden musste so wie ich in meiner einsamen Kindheit,“ sagt sie. „Anfangs stand ich sogar immer an ihrer Wiege und wartete, bis sie wach wurde.“

Heute ist ihr klar, dass das Kind nur eine Suchtverlagerung darstellte, sie noch immer extrem gefährdet war – aber wer ahnt das schon mit 22 Jahren? Fred und sie wurden rückfällig, schlimmer denn je. Sie verließ ihn.

Drei Monate später fand man ihn in seinem Blut – ein aufgeplatztes Magengeschwür machte Nathalie mit zweieinhalb Jahren zur Halbwaisen und bald darauf zum Oma-Kind. Denn Katja war beim Dealen aufgeflogen und in den Knast gewandert.

„Die herzzerreißenden Briefe meiner Tochter machten mir deutlich, wie sehr sie mich liebte, brauchte und vermisste. Ihre verzweifelten Worte verfolgten mich nächtelang.“ Doch ihr war klar: „Man muss mich wegschließen, sonst würde ich es nie schaffen.“

Das Angebot „Therapie statt Strafe“ war schließlich die Rettung. „Mein einziger Lichtblick waren die Besuche meiner Tochter alle zwei Wochen. Sie liebte mich so, wie ich war, und machte mir niemals einen Vorwurf.“ Im Gegensatz zu ihrer Mutter, die alle Möbel von ihr weggeworfen und der Tochter sogar die Haare abgeschnitten hatte. Der totale Cut.

Katja hielt durch, wollte endlich clean werden für ihre Kleine. Vier Jahre hatte Nathalie bei der Oma gelebt, bis Katja sie in ihrer Wohnung in die Arme schließen konnte. Doch: „Wir waren uns fremd geworden. Ich wusste nicht, wie ich mit einem Teenager umgehen sollte“, erinnert sie sich.

Die Liebe siegte. Sie fanden wieder zueinander. Langsam, vorsichtig suchend. Mittlerweile ist Katja, der Junkie, seit zehn Jahren clean. Und will es auch bleiben: „Das bin ich mir selbst und meiner geliebten Tochter schuldig.“

Nur in der Hölle kann man den Himmel sehen“ von Katja S. erschien im mvg-verlag.

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