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Express.de | Seuche zerstört Gesellschaft: Forscher vergleichen Ebola mit der Pest
21. October 2014
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Seuche zerstört Gesellschaft: Forscher vergleichen Ebola mit der Pest

Historiker haben die Ebola-Epidemie nun mit der Pest im Mittelalter verglichen.

Historiker haben die Ebola-Epidemie nun mit der Pest im Mittelalter verglichen.

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AP

Ebola tötete tausende Menschen in Westafrika - und das Virus zerstört die Gesellschaften dort - ganz ähnlich wie die Pest im Mittelalter.

Nun haben sich auch Historiker zu Wort gemeldet. Sie vergleichen Ebola mit der Jahrtausend-Seuche Pest. Mitte des 14. Jahrhunderts raffte der „Schwarze Tod“ schätzungsweise ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahin. Doch was hat das mit Ebola zu tun?

Gesellschaftliche Aufgabe

Wie im Pest-Zeitalter seien auch durch Ebola traditionelle Werte im Gemeinwesen bedroht, schreiben die Wissenschaftler, die den politischen und gesellschaftlichen Umgang mit der Pest im Mittelalter erforschen.

Die politischen Obrigkeiten hätten damals auf die kollektive Bedrohung der Pest stärker mit gemeinschaftlichen Bemühungen reagiert als heute.

Die moderne Politik habe den Anstieg medizinischen Wissens zum Anlass genommen, den Umgang mit Epidemien „an einen Stab von Spezialisten auszulagern“, schreiben die die Historiker Jan Keupp und Katharina Wolff auf der Internetseite vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“.

Die Vorstellung, man könne Ebola den Experten überlassen und auf Nichtregierungsorganisationen und ein Grüppchen enthusiastischer Freiwilliger abwälzen, sei angesichts der hohen Ansteckungsgefahr ein gefährlicher Trugschluss, erklärten die Historiker.

Positiv sei hingegen, dass Menschen wie Ärzte und Pfleger auch heute noch das Risiko eingingen, Erkrankten zu helfen.

Werden bald Landstriche abgeriegelt?

In eine ähnliche Richtung geht auch die Kritik des niederländischen Arztes Pieter de Koning. Was er über die momentanen Zustände in Liberia erzählt, klingt alles andere als zuversichtlich. Das Gesundheitssystem in dem von der Ebola-Epidemie betroffenen westafrikanischen Land ist komplett zusammengebrochen, die meisten Gesundheitszentren sowie Kliniken sind entweder überfüllt oder komplett verwaist.

„Nur ein Viertel der Infizierten wird überhaupt behandelt, der Rest wird weggeschickt“, sagt der Mediziner.

Das öffentliche Leben in Liberia sei beinahe lahmgelegt. „Ebola-Kranke ziehen von Behandlungszentrum zu Behandlungszentrum“, berichtet de Koning, „in der Hoffnung, dass sie irgendwo behandelt werden“.

Dass die öffentliche Ordnung noch nicht zusammengebrochen sei, grenze an ein Wunder. „Aber irgendwann wird Ebola auch die Polizei, das Militär, die Verwaltung erreichen“, dann werde der Staat Liberia, wie man ihn heute kenne, Geschichte sein, ist der niederländische Arzt überzeugt.

De Koning ist in Liberia für die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) tätig. „Ich bin kein Ebola-Experte“, sagt er am Dienstag beim Besuch der DAHW-Zentrale in Würzburg.

Doch das Virus betrifft auch die Arbeit der Lepra- und Tuberkulosehilfe in Westafrika massiv: „Wir erwarten, dass bald ganze Landstriche abgeriegelt werden“, sagt DAHW-Geschäftsführer Burkard Kömm.

Menschen geben sich nicht mehr die Hand

Die Menschen in Westafrika habe die Epidemie schon jetzt verändert: „Liberia und Sierra Leone werden nach einem Ende der Ebola-Epidemie andere Länder sein“, ist Kömm überzeugt. Ein Eindruck, den de Koning teilt: „Die Leute begrüßen sich schon jetzt nicht mehr per Handschlag, es gibt quasi keinen Körperkontakt mehr auf der Straße.“ Ihn erinnere das an Schilderungen aus dem 14. Jahrhundert, als die Pest in Europa gewütet habe: „Jeder Kontakt könnte tödliche Folgen haben.“

Weil aber längst nicht alle Menschen behandelt werden können - weil Fachkräfte wie Ärzte, Krankenschwestern oder auch Logistiker fehlen - und deshalb wieder nach Hause geschickt werden, breitet sich Ebola immer weiter aus. Trotz der Angst vor der Krankheit würden Patienten von ihren Angehörigen gepflegt - die sich dabei dann oft ansteckten. „Man mag das seltsam finden“, sagt Kömm: „Aber wir würden unseren kranken Opa auch nicht wegsperren, nur weil kein Arzt kommt.“

Weil die Epidemie ein enormes Ausmaß angenommen hat, fordert de Koning ein militärisches Eingreifen in Westafrika. Die Krise sei ohne Soldaten nicht mehr zu lösen: „Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist zu bürokratisch, zu träge, um die nötige Hilfe zu koordinieren.“ Laut DAHW-Geschäftsführer Kömm könnten selbst die großen Hilfsorganisationen die Ebola-Krise „nicht mehr bewältigen“. De Koning fordert deshalb eine Art medizinischen Blauhelm-Einsatz.

Der Niederländer sieht das reiche Europa besonders in der Pflicht. „Für viele Menschen in Westafrika ist unser Nicht-Handeln rassistisch“, sagt er.

Eine weitere Folge von Ebola ist, dass auch die Behandlung anderer Krankheiten faktisch zum Erliegen kam. „Täglich sterben derzeit vier Menschen in den betroffenen Ländern an Ebola“, erläutert de Koning, „aber mehr als 100 an Tuberkulose, über 400 an Durchfall, mehr als 500 an Malaria und fast 700 an Aids“. Er mag sich nicht ausdenken, dass auch diese Todeszahlen in die Höhe schnellen könnten.