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Pädagogen-Prozess: Diskussion um Musiklehrer: Lehrer zu streng oder Schüler zu frech?

Parusel

Musiklehrer Phillip Parusel steht vor Gericht: Der Beamte soll seine Schüler am Verlassen des Klassenzimmers gehindert haben.

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dpa

Über diesen Pädagogen-Prozess in Neuss redet die Nation: Ein Musiklehrer lässt nachsitzen,  will  noch eine Strafarbeit einsammeln. Da ruft ein Schüler (13!) per Handy die Polizei und zerrt den Pauker vor Gericht.

Vorwurf: Freiheitsberaubung und Körperverletzung.  Hallo, was geht denn da ab in deutschen Klassenzimmern?

Hans-Peter Etterer, Leiter des bayrischen Lehrerverbandes, hat aufgerüstet: Mittlerweile sind bei ihm 17 Rechtsberater im Einsatz, vor 20 Jahren waren es gerade mal drei. „Heute wenden sich viele Eltern  gleich an höhere Instanzen, wie die Schuldirektion, das Schulamt, das Kultusministerium oder sogar die Regierung“,  zitiert Etter in Fachjournalen die Kritik der Lehrer.

„Mein Kind hat immer Recht”

Getreu dem Motto »MEIN Kind hat immer Recht« verteidigen manche Eltern ihre kleinen Teufel mit  Zähnen und Klauen.

Eine Grundschullehrerin  aus Wuppertal schreibt in einem Lehrer-Blog, dass ihr mit einer Klage gedroht worden sei, weil sie ein  Kind in die letzte Reihe gesetzt  und sich anschließend geweigert habe, es umzusetzen.

Ein Grundschüler in Westfalen störte über Wochen pausenlos den Unterricht, bis sein Lehrer rot sah und ihm symbolisch einen Schnuller in den Mund stecken wollte. Prompt standen die Eltern auf der Matte.

350 Euro Schmerzensgeld verlangten Eltern in Bayern von einer Lehrerin, die ihren Jungen bei einem Klassenausflug – nachdem dieser ihr einen Tritt in die Wade versetzt hatte – am Arm gepackt und zurück ins Bushaltehäuschen gezogen hatte. Daraufhin hatte der  Junge  ein  Hämatom am Oberarm. Klage abgewiesen!

Eine Lehrerin auf einer Münchner Mädchenschule  zog sich vor den Augen  ihrer Schülerinnen den Pulli aus (weil sie merkte, dass sie ihn versehentlich falsch herum angezogen hatte). Für einen Moment war der BH zu sehen. Disziplinarverfahren!

Einen Kölner Rektor traf auf dem Weg zur Schule der harte Strahl einer Wasserpistole  ins Gesicht. Er riss dem Mädchen die Pistole weg.  Das behauptete, geschlagen worden zu sein.  Er verneinte dies. Trotzdem:  Anzeige!  Das Verfahren wurde aber inzwischen eingestellt.


Eine Hamburger Berufsschülerin  rastete nach einer verpatzten Prüfung  im Lehrerzimmer aus. Als sie sich nicht beruhigte, griff sie ein Lehrer am Arm und bugsierte sie vor die Tür.  Anzeige!


Ein Lehrer aus Oldenburg packte einen renitenten Viertklässler am Kragen, schüttelte ihn  und schrie ihn an: „So redest du nicht mit mir. Verstanden!“ Er entschuldigte sich nach seinem Wutausbruch aber direkt bei dem Kind, später bei den Eltern. Der Vater schaltete aber  dennoch Schulaufsicht und Schulbehörde ein.

„Ey, isch zeich’ dich an!“

„Das ist das Schlimmste, was dir passieren kann. Du willst die Schüler aus der Klasse scheuchen und triffst einen dabei am Arm“, sagt Waltraud T. (48, Name geändert), die in Köln schon an Haupt-, Real- und Gesamtschulen unterrichtete.  „Ey, isch zeich’ dich an!“

Der  Satz kommt Schülern heute leichter über die Lippen als manche  Englisch-Vokabel.

Fast nur Problemschüler

Interessant: Laut Dienststelle Interne Ermittlungen (DIE) sind  es fast ausnahmslos „Problemschüler“ zwischen sieben und 16 Jahren, die zu solchen Maßnahmen greifen. Oft flankiert von Eltern, die daheim selbst nicht mit ihnen fertig werden.

Waltraud T. beklagt: „Viele benehmen sich in der Klasse als seien sie in der Wüste, können nicht eine Stunde ohne Getränk  auskommen.“

100 mal habe sie gerade eine Schülerin  »Ich darf nicht Kaugummi kauen« schreiben lassen. Na, hoffentlich ist das erlaubt, Frau Lehrerin!

Mangelnder Respekt vor Autoritäten

Anwalt Ralf Tarneden, spezialisiert auf Schulrecht, kann sich über mangelnde Aufträge jedenfalls nicht beklagen: „Die meisten Eltern wollen  aber Zeugnisse anfechten.“

Peter Silbernagel (63), Vorsitzender des Philologenverbandes NRW, bringt es auf den Punkt: „Schüler – und auch Eltern – mangelt es heutzutage häufig an Respekt vor Autoritäten.“ Und dennoch unterstützt er seine Kinder darin, Lehrer zu werden. „Die Tätigkeit ist erfüllend und schön, wenn man klare Strukturen hat. Und schlecht bezahlt ist der Beruf ja auch nicht.“