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NRW: Massen-Tötung von Küken: So will die Politik nun reagieren

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In einer Brüterei werden Männchen aussortiert. Sie werden mit CO2 begast, werden ohnmächtig und ersticken.

Foto:

picture alliance / kpa

Sie sind nutzlos für die Lebensmittelindustrie, weil sie keine Eier legen. Kaum geschlüpft, werden männliche Küken in Deutschland kurzerhand mit Gas getötet.

50 Millionen Jungtiere erblicken das Licht der Welt meist nur für wenige Stunden. „Die Lebewesen werden wie Abfall behandelt“, sagt NRW-Umweltminister Johannes Remmel (53).

Der Grüne kämpft dafür, dass die Massentötung von der Bundesregierung endlich gesetzlich verboten wird.

Grausame Tötungspraxis

Die grausame Tötungspraxis in den Ställen der deutschen Geflügelwirtschaft macht Tierschützer wütend und fassungslos.

Obwohl das unethische Vorgehen der Branche immer wieder angeprangert wird, kann sich Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (58, CSU) bislang nicht zu einem klaren Verbot durchringen.

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NRW-Umweltminister Johannes Remmel (M.),   Tierschützerin Anja Terjung und Vize-Chefredakteur Uwe Hoffmann.

Foto:

Matthias Heinekamp

Die einflussreiche Lobby der „Geflügelbarone“ warnt die Politik vor den wirtschaftlichen Folgen des Verbots. Die Angst vor dem Abwandern der Brutbetriebe nach Osteuropa lähmt die Durchsetzung eines konsequenten Tierschutzes.

NRW-Umweltminister Johannes Remmel will sich damit nicht abfinden. Nordrhein-Westfalen hatte die Küken-Tötung bereits per Erlass verboten.

Doch das Verwaltungsgericht in Minden kassierte die Anweisung, nachdem elf Brütereien geklagt hatten. Es fehle eine Regelung im Bundestierschutzgesetz, erklärten die Richter.

Die Grünen wollen Minister Schmidt jetzt Dampf machen. Der vertröstet die Kritiker mit dem Hinweis auf neue Forschungsmethoden, die das Massentöten künftig verhindern sollen.

Kann Lasertechnik helfen?

Wissenschaftler der Uni Leipzig erproben eine Lasertechnologie, die das Geschlecht der Küken schon im Ei bestimmen kann.

Die „Nah-Infrarot-Raman-Spektroskopie“ soll es möglich machen, dass Eier mit männlichen Embryos frühzeitig aussortiert werden können. Angeblich soll die Technik bis 2017 marktreif sein. Bis dahin würden noch 100.000 Tiere sterben.

Remmel glaubt nicht daran, dass die neue Technologie das Massentöten ersetzt. „Es ist völlig unrealistisch, dass jedes einzelne Ei vor dem Ausbrüten aufwendig überprüft wird“, sagte der Minister im Gespräch mit dem EXPRESS. Die Pläne der Bundesregierung seien ein „faules Ei“.

Bundestag debattiert das Thema

Am Donnerstag wird der Deutsche Bundestag über das künftige Schicksal der männlichen Küken debattieren. Remmel wird dabei die Position der NRW-Landesregierung vortragen. Auch der Bundesrat hatte sich schon für ein gesetzliches Tötungsverbot ausgesprochen.

Das Thema brennt nicht nur Tierschützern unter den Nägeln. Der NRW-Umweltminister bringt mehr als 10.000 Unterschriften von Bürgern mit nach Berlin, die die Kölnerin Anja Terjung (46) gesammelt hat.

„Es ist nicht zu fassen, wie die Industrie mit lebenden Kreaturen umgeht“, sagt die Tiertherapeutin. „In der Geflügelzucht werden Frankenstein-Methoden angewendet. Das muss schleunigst ein Ende haben.“

Grüne und Tierschützer fordern Kehrtwende

Die meisten Brutbetriebe gibt es in Niedersachsen. Aber auch in NRW gibt es rund zehn Brütereien und ca. 4400 Lege- und Mastbetriebe mit einer Stellgröße von mehr als 3000 Tieren.

In Großbetrieben werden pro Tag mehr als eine Millionen Eier gelegt. Dazu braucht man mehr Hühner, denn nicht jedes Huhn legt jeden Tag ein Ei.

Rettet die süßen Küken! Grüne und Tierschützer fordern eine Kehrtwende in der bisherigen Eier- und Geflügelfleischproduktion (siehe unten). Sie sind überzeugt, dass auch eine Kennzeichnungspflicht für Produkte aus Betrieben, die männliche Küken töten, Wirkung zeigen könnte.

Minister Remmel: „Vielen Verbrauchern würde das Osterei sicher besser schmecken, wenn das Massensterben gestoppt würde.“

Das Geschäft mit den Hühnern. Weiterlesen auf der nächsten Seite.

Wenn Tiere und Geschäft zusammentreffen, dann optimiert der Mensch gerne seine „Produktionsmittel“. In der Geflügelwirtschaft führte das dazu, dass zwei Rassen gezüchtet wurden.

Eine, die schnell, viel Fleisch ansetzt, und eine, die schnell und viele Eier legt. Dieser Unterschied zwischen Mast- und Legehuhn führt dazu, dass bei den Legebetrieben die Männchen, die ja keine Eier legen, aussortiert und getötet werden.
„Würde man die Hähnchen halten, füttern und das Fleisch verkaufen, müsste ein Ei satt 10 bis 30 Cent etwa 4 Cent mehr kosten“, schätzt Heinrich Bußmann, Vorsitzender des Landesverbandes der Geflügelwirtschaft NRW.

Kunde erwartet „Schweineschnitzel aus Huhn“

Problem: „Selbst wenn Verbraucher das zahlen würden: Für das Fleisch gäbe es dann vom Aussehen und Geschmack her keine Abnehmer.“
Tatsächlich erwarte der Kunde inzwischen „ein Schweineschnitzel aus Huhn“, bestätigt Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer NRW.

„Keiner bringt gerne Küken um“, so Rüb. „Aber ein Tötungsverbot macht nur EU-weit Sinn.“ Sonst würden die Brütereien ins Ausland verlegt.

Vorbild: Das EU-weite Verbot der Lege-Batterien. „Nur“, so Bußmann, „da ging es um eine Haltungs-Umstellung. Hier müssen wir auf ein technisches Verfahren hoffen oder auf die Züchtung einer neuen Rasse.“

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