Empfehlen | Drucken | Kontakt18.02.2012 - 14:37 Uhr

Fohlen-Flüsterer: Favre: „Ich bin groß geworden mit Kühen und Pferden“

Von UWE BÖDEKER und ACHIM MÜLLER
Greift mit Mönchengladbach nach der Meisterschale und dem DFB-Pokal: Trainer Lucien Favre
Greift mit Mönchengladbach nach der Meisterschale und dem DFB-Pokal: Trainer Lucien Favre
Foto: Ovelgönne
Mönchengladbach –  

Dunkle Trainingsjacke, wuschelige Frisur und braune, sympathische Knopfaugen – so locker erlebten wir Mönchengladbachs Trainer Lucien Favre (54) beim großen Interview.

Der Gipfelstürmer der 1. Liga plaudert völlig gelöst über seine Kindheit in der Schweiz, seinen Führungsstil und seine besondere Beziehung zu Jogi Löw. Favre, wie ihn die meisten noch gar nicht kennen...

Lucien Favre im Interview

Fußball-Deutschland staunt über Ihre Erfolgsgeschichte im letzten Jahr. Vom Abstiegskandidaten zum Meisterkandidaten – wäre das mit jedem Klub so möglich?

Nein, nicht bei jedem Klub. Unsere Fortschritte sind in der Tat unglaublich. Das zeigt, dass alles schnell im Leben gehen kann. Wichtig ist, dass ich hier Spieler vorgefunden habe, die Spielintelligenz haben, die alle schnell von meinem Konzept überzeugt waren.

Die Chemie stimmt also auf allen Ebenen?

Ja, wir waren letzte Saison fast mausetod, am letzten Spieltag in Hamburg nach 70 Minuten abgestiegen. Dann die Rettung in die Relegation mit zwei knappen Spielen gegen Bochum. Das alles werden wir hier niemals vergessen. Ich nicht, die Spieler nicht, das Umfeld nicht.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Ich sage genau, was ich sehen will auf dem Platz. Ich verlange auch Disziplin im Leben. Ohne Autorität und Disziplin geht nichts. Aber ich rede auch nicht lange, oft reicht mir eine Minute auf dem Platz oder in der Kabine.

Sie arbeiten akribisch...

Ich bin nicht akribisch, ich bin Profi.

Wie schalten Sie ab vom Fußball?

Abschalten ist ganz wichtig. Ich gehe ins Kino, höre Musik, liebe die Natur und genieße Spaziergänge.

Vermissen Sie die Natur Ihrer Schweizer Heimat?

Ich bin in einem Dorf in der Nähe von Lausanne mit 200 Einwohnern groß geworden, jetzt leben dort 1.000. Mein Vater war Bauer, ich bin groß geworden mit Kühen und Pferden. Ich war viel auf dem Feld in meiner Kindheit. Die Schweiz ist wunderschön mit ihren Bergen und Seen, aber ich vermisse eher die Familie und Freunde. Doch ganz ehrlich habe ich viel zu wenig Zeit, um darüber nachzudenken. Außerdem bin ich alle sechs Monate dort.

Als Junge in der Schweiz, spielt man auch Eishockey oder fährt Ski. Wie sind Sie zum Fußball gekommen?

Ich habe auch Eishockey gespielt. Das hat mir sehr geholfen als Fußballer, denn man lernt sein Gleichgewicht zu halten. Aber Fußball war alles für uns. Die Zeit war super, wir hatten in der Schule vormittags und nachmittags eine Stunde Pause, da wurde immer Fußball gespielt. Auch auf der Straße, da kam in der Stunde höchstens ein Auto vorbei, heute wäre das nicht mehr möglich.

Als Trainer reden mittlerweile alle über ihre Stärken. Haben Sie auch Schwächen?

Favre lacht: Die habe ich wahrscheinlich, aber ich weiß nicht welche. Im Ernst: Jeder Mensch hat Fehler. Wer einen Freund sucht ohne Fehler, der ist allein auf der Welt. Fehler muss man akzeptieren und das Gute in jedem Menschen hervorheben.

Arbeiten Sie an Ihren Fehlern?

Ich sage es so: Ich versuche mich immer weiterzuentwickeln, lerne Deutsch, Englisch und zuletzt ist auch Spanisch dazugekommen. Das ist alles wichtig für meine persönliche Entwicklung. Jeden Tag etwas Neues dazu lernen ist gut, aber das geht natürlich nicht immer.

Träumen Sie auch?

Favre lacht: Ja, auch ich träume. Aber nicht sportlich. 43 Punkte haben wir bisher. Die haben wir uns auch verdient.

Wie beurteilen Sie Ihre Position im Titelrennen und im Pokal-Halbfinale?

Unser einziges Ziel ist, weiter so zu spielen wie bisher. Die Spieler sind alle menschlich okay und gesund im Kopf. Das ist gut. Den Rest sehen wir später.

Sie werden als Trainer momentan von allen Seiten gelobt, wie gehen Sie damit um?

Favre lacht: Das ist normal, ich akzeptiere das gerne. Ganz ehrlich, aus Rückschlägen habe ich aber immer sehr, sehr viel gelernt. Ich habe auch einige schwierige Situationen erlebt, bin aber immer positiv geblieben. Man sagt: Die besten Piloten sind die Tupolev-Piloten, weil dieses Flugzeug so schwer zu dirigieren ist. Wer das beherrscht, kann auch alle anderen Maschinen fliegen.

Wie lange fliegen Sie noch bei der Borussia?

Ich habe einen laufenden Vertrag ohne Ausstiegsklausel bis 2013. Ich führe immer wieder regelmäßig mit dem Vorstand und mit Sportdirektor Max Eberl intensive Gespräche über die Zukunft.

Wie ordnen Sie die Bundesliga international ein?

Es gibt fünf Topligen in Europa: England, Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland. Hier ist die Stimmung in den Stadien riesig. Im Schnitt kommen 44.000. In England sind es nur 33.000 Fans – die Bundesliga ist also sehr attraktiv. Zudem gibt es immer mehr Stars, kein Klub ist großartig verschuldet wie in England oder Spanien. Auch in der 2. Liga kommen 70.000 zur Hertha, auch Düsseldorf und Frankfurt haben große, volle Stadien. Die Liga ist seriös geführt, und Fußball ist eine Religion in Deutschland. Vielleicht ist die Liga hier bald die Beste, die es gibt.

Gibt es auch Dinge, die Sie kritisch sehen?

Es fehlt den Klubs ab und zu eine Philosophie, ein Konzept. Das ist einfach zu sagen und schwer umzusetzen. Das weiß ich, aber im Schnitt bleiben Trainer hier zehn bis 14 Monate im Amt. Das ist sehr kurz.

Was sagen Sie zum Nationalteam?

Deutschland hat enorme Fortschritte gemacht bei der Ausbildung. Mit den jetzigen Spielern, die herankommen oder schon groß sind kann man über Jahre planen. Özil, Götze, Reus, Müller – was Offensiv-Spieler angeht schöpft man aus einem riesigen Reservoir. Das ist besser als bei Brasilien und Argentinien zusammen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Jogi Löw?

Beim FC Zürich ging es einmal um den Trainerjob. Er oder ich. Er hat abgesagt, da wurde ich Trainer in Zürich. Seitdem verstehen wir uns gut, sind regelmäßig in Kontakt. Er macht einen super Job als Nationaltrainer.

Wäre das auch mal etwas für Sie – in der Schweiz beispielsweise?

Das ist nicht mein Ziel, aber die Laufbahn eines Trainers ist schwer im Voraus zu planen. Nationaltrainer und Bundesligatrainer kann man als Job nicht miteinander vergleichen, das ist etwas ganz anderes.

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