Empfehlen | Drucken | Kontakt04.08.2011 - 14:45 Uhr

Don Calli analysiert die Fohlen: Bei Reus lacht mein Fußball-Herz

Von REINER CALMUND
Gladbach-Star Marco Reus
Gladbach-Star Marco Reus
Foto: dpa
Mönchengladbach –  

Das wird ein Hammerauftakt für die Borussia! Wenn am Sonntag um 17.30 Uhr in der Allianz-Arena die Partie gegen den FC Bayern München angepfiffen wird, sind die Mönchengladbacher krasse Außenseiter. Weil alles andere als eine Pleite zum Start eine Überraschung wäre, können die Jungs um Marco Reus aber auch ohne Druck und frei Schnauze aufspielen.

Die Bayern sind auch mein Top-Favorit – aber nur dann, wenn Arjen Robben und Franck Ribéry nicht wieder langfristig ausfallen. Dieses Duo macht den Unterschied gegenüber anderen Klubs aus, zumal Jupp Heynckes noch ein paar Spiele brauchen wird, um die nötige Stabilität in der Defensive herzustellen. Immerhin kann er sich da auf Manuel Neuer verlassen, für mich der neue Oliver Kahn, nicht nur weil er vergangene Woche zum „Fußballer des Jahres“ gewählt wurde. Manuel wird in München zum internationalen Superstar à la Casillas oder van der Sar, da bin ich mir sicher.

MANNSCHAFT
Es soll Fans der Borussia geben, die heute noch nachts schweißgebadet aufwachen und hektisch das Abstiegsgespenst im Schlafzimmer suchen. Es war ja auch wirklich starker Tobak, den die Mannschaft in der vergangenen Saison ihren Anhängern auftischte. Das zeigt Nachwirkungen, keine Frage. Sie waren sportlich tot und schafften das größte Comeback seit Lazarus.

Auf den ersten Blick scheint es verblüffend, dass die Elf, mit der Trainer Lucien Favre in die neue Saison geht, bis auf’s Haar der gleicht, die in der Vorsaison erst in der Relegation den Klassenerhalt schaffte. Aber Favre kann trotzdem ruhig schlafen. Denn auf den zweiten Blick wird es verständlicher, weil diese Mannschaft schon in der vergangenen Spielzeit nicht so schlecht war, wie sie sich oft präsentierte. Und außerdem fehlt der Borussia schlicht und einfach die Kohle, um gestandene Profis und damit Qualität zu kaufen.

Die Borussia wird nicht noch einmal so tief in den Schlamassel geraten. Es wird keine ruhige Saison, aber auch nicht mehr annähernd so dramatisch. Das Verletzungspech wird sicherlich nicht annähernd so groß über die Mannschaft hereinbrechen wie in der letzten Saison, da fehlte ja zeitweise die komplette Abwehr. Und das taktische Gerüst, das der smarte Schweizer der Truppe verpasst hat, hilft über die eine oder andere Schwäche weg.

Wichtig war es, nach hinten Stabilität reinzukriegen. Das schaffte Favre mit seiner Entscheidung für André ter Stegen. In einer dermaßen schwierigen Phase auf einen Teenie im Tor zu bauen, zeugt von Mut. Dass der dann aber mit überragenden Leistungen die Basis für den Klassenerhalt legt, belohnt diesen Mut und zeigt, dass man gar nicht genug davon haben kann. Ter Stegen wird schon bald in die Phalanx der besten deutschen Keeper aufsteigen.

Zu den besten deutschen Offensivspielern gehört Marco Reus schon lange. Er präsentierte sich schon in Bestform, war auch beim Pokalspiel in Regensburg der entscheidende Mann mit einem Tor und einer Vorlage. Was mir an ihm imponiert, ist die große Leistungskonstanz über zwei Spielzeiten.

Wenn der abgeht, lacht mein Fußballerherz! Das ist einer, der selbst mich mit meinem dicken Wams vom Sitz reißt. Er ist Gladbachs Lebensversicherung – sportlich und irgendwann auch mal finanziell!

WERTUNG: ★★★

DIE FÜHRUNG
Es war ein hartes Jahr für die Borussia, und dies bekam in erster Linie Sportchef Max Eberl zu spüren. Er wurde hart von den Klub-Legenden Berti Vogts, Günter Netzer und Stefan Effenberg angegangen, zu hart, wie ich meine.

Aber Tatsache ist: Max Eberl hatte seinen Instinkt verloren und erst die Verpflichtung von Lucien Favre leitete die Wende ein. Vor einem Jahr war ich an gleicher Stelle total überzeugt von Michael Frontzeck und der Vertragsverlängerung mit ihm. Aber der Fußball ist schnelllebig, da muss man mitunter auch gegen seine Überzeugung handeln. Deshalb ist der Vorwurf, Eberl hätte zu spät gehandelt, nicht ganz von der Hand zu weisen.

Meine Güte, ich musste mit Jürgen Gelsdorf mal meinen Trauzeugen als Trainer rausschmeißen – so ist das eben in diesem Business. Ich freue mich auch für Klubchef Rolf Königs und Vize Rainer Bonhof, die hart kritisiert wurden, dass die Borussia das Wunder Klassenerhalt noch geschafft hat und damit auch die Attacken der „Initiative Borussia“ stoppen konnte.

Es ist jedoch sehr schade, dass so verdienstvolle Typen wie beispielsweise Norbert Kox für die Sponsorenarbeit oder Stefan Effenberg als absoluter Fußball-Fachmann bei den Gladbachern nicht integriert werden konnten. Ich gönne jetzt allen Beteiligten ein ruhigeres Jahr, noch so einen Sturm übersteht man nicht so einfach.

WERTUNG: ★★★

DER TRAINER
Lucien Favre bekommt wohl kein Denkmal in der Mönchengladbacher Fußgängerzone wie die Vertreter der großen Generation aus den 70er Jahren. Verdient hätte er es meiner Meinung nach. Die Borussia gerettet zu haben, bedeutete für mich eine der größten Trainerleistungen der vergangenen Jahre. Meine Güte, da lag ja alles in Trümmern. Und er baute in Rekordzeit ein Team, das mit 26 Rückrundenzählern bewies, dass es in die Liga gehört.

Doch Favre ist nicht zu beneiden. Den großen Einkaufskorb konnte er im Schrank lassen. Der ehrgeizige Schweizer durfte sich nur in den unteren Regalen bedienen, geht deshalb mit der Elf an den Start, die er schon in der vergangenen Saison präsentierte. Die Neuen heißen Rupp und Leckie, Zimmermann, Otsu, Wendt und King und sind allesamt als Ergänzungen eingeplant. Es sei denn, Favre zaubert einen aus dem Hut und überrascht wieder alle. Wundern würde es mich nicht.

WERTUNG: ★★★★

PROGNOSE
In der vergangenen Saison lag ich mit meinem Tipp (Platz neun bis elf) mächtig daneben. Das passiert mir nicht noch einmal. Die Borussia wird ein paar Probleme bekommen, aber letztlich nicht absteigen. Platz elf bis 14 dürfte eine realistische Einschätzung sein.

Wertung: Sehr gut ★★★★★/ Gut ★★★★/ Befriedigend ★★★/ Ausreichend ★★/ Mangelhaft ★

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