Empfehlen | Drucken | Kontakt20.12.2011 - 14:56 Uhr

Paolo gibt alles: Liegt´s am Heimweh oder am fehlenden Orgasmus, dass sie so lustlos ist?

Ich kämpfe für uns beide, aber ich bekomme fast nichts zurück und werde schon selber depressiv.
Ich kämpfe für uns beide, aber ich bekomme fast nichts zurück und werde schon selber depressiv.
Foto: Jörg Klemme | pixelio.de

Hallo Beatrice,

wo soll ich anfangen...? 

Meine Freundin (23) und ich (25) haben uns vor vier Jahren kennengelernt. Sie kommt aus Portugal, ich aus Südamerika; ich lebe schon lange in Deuschland, sie erst seit 5 Jahren. Sie musste aus Portugal weg, weil ihre Familie, ursprünglich sehr reich, wegen krummer Geschäfte aufgeflogen war. Die Eltern sind im Gefängnis, meine Freundin brach alle Zelte hinter sich ab, um hier ein neues Leben zu beginnen. Sie hat es mit Hilfe von Freunden geschafft, ihr Abitur hier zu machen, nun studiert sie, so wie ich.

Wir haben beide sehr wenig Geld, auch deswegen zogen wir schnell zusammen. Wir teilen alles, und die ersten anderthalb bis zwei Jahre ging das ganz gut. Wie ich, hatte sie viel Energie, wir jobbten neben dem Studium, und sie hatte viel Lust auf Sex. Doch eines unserer ersten Probleme war, dass sie nicht zum Orgasmus kam. Und ich versuchte ihr es beizubringen. Aber es ist uns nicht gelungen. Ich hab auch oft mit ihr darüber geredet. Sie weiß nicht, warum es nicht geht.

Ich versuchte es immer wieder, aber es funktionierte nicht und sie meinte, für sie wäre es kein Problem. Es war frustrierend für mich, weil ich mir vorgenommen hatte, dass sie auch zu ihrer Befriedigung kommt. Aber weil ich keinen Druck auf sie ausüben wollte, habe ich irgendwann aufgegeben. 

Vor etwa zwei Jahren entwickelte sich noch ein anderes Problem. Sie hat immer wiederkehrende Blaseninfekte, ihre Blase wurde immer empfindlicher, die Stöße beim Verkehr tun ihr weh, auch wenn ich vorsichtig stoße. Sie war bei zwei Ärzten, beiden konnten ihr nicht dauerhaft helfen. Sie kann ja auch nicht dauernd Antibiotika nehmen! Und auch zwischen den akuten Entzündungen ist die Blase übersensibel.

Das dritte große Problem (was sie selber als das Hauptproblem sieht) ist, dass sie sehr depressiv geworden ist, und zwar wegen Deutschland. Sie kommt mit den kühlen Temperaturen, dem langen kalten Winter, dem Mangel von Chancen hier für eine Ausländerin, der Frustration, die durch ihr nicht perfektes Deutsch entsteht usw., einfach nicht klar. Als sie nach Deutschland kam, hatte sie so große Hoffnungen, und jetzt fühlt sie sich ohne Chancen, im Leben etwas zu erreichen. Auch das Studium macht ihr keinen Spaß mehr, sie zweifelt, ob sie den Abschluss schafft, denn es ist schwer in einer anderen Sprache. Sie meint, sie hätte kein direktes Problem mit mir, sondern mit ihrer Umgebung und mit sich selbst. Nun hat sie überhaupt keine Lust mehr auf Sex und auf gar nichts. Ich bin allmählich ratlos. Ich habe sie schon zum Psychologen, sogar zu einem in unserer Sprache, geschickt. Sie gab aber nach zwei Sitzungen auf, weil er ihr anscheinend nicht helfen konnte. 

Natürlich haben wir schon daran gedacht, nach Portugal zu ziehen. Doch ich bin an Deutschland mindestens noch für einem Jahr gebunden, um mein Studium zu beenden, das geht nur hier. Ich hab ja auch Schulden, die ich irgendwann begleichen muss, das geht ohne Abschluss nicht. 

Wir haben uns sogar schon mal getrennt, aber ohne Erfolg. Wir lieben uns! Aber ihre Situation ist einfach viel zu schlimm. Ich mache mir Sorgen. Sie liegt nur im Bett, hat weder Lust auf Studieren noch auf Arbeiten noch auf so einfache Dinge wie Einkaufen gehen, usw. Sie sieht alles negativ, freut sich über nichts mehr, lacht nicht mehr. Was ist bloß aus dem lebenslustugen Mädchen geworden, was ich mal kannte.

Und auch ich bin allmählich erschöpft. Ich kämpfe für uns beide, aber ich bekomme fast nichts zurück (im Gegenteil, immer öfter schreit sie mich wegen Lappalien an) und werde schon selber depressiv. 

Aber ich kann mich auch nicht trennen. Ich liebe sie immer noch und kann nicht glauben, dass es für uns keine Hoffnung mehr gibt.

Beatrice, kannst du mir etwas dazu sagen?

Dankeschön

Paolo (25)

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Lieber Paolo,

es liegt klar auf der Hand: Sie hat eine ausgewachsene Depression. Anderthalb Jahre lang konnte sie die radikalen Änderungen in ihrem Leben noch ganz gut wegstecken, weil sie viel Hoffnung hatte, doch statt dass sich die Hoffnungen auf ein gutes neues Leben erfüllten, wurde für sie immer deutlicher: Sie hat alles verloren, was ihr früher Halt und Geborgenheit gegeben hat - ihre Familie, die finanzielle Sicherheit, ihre Heimat, ihre dortigen Freunde, das Klima, das sie liebt und braucht: eben alles, was ihr eigentlich ihre Identität gab und womit sie sich wohl fühlte. Sie ist entwurzelt, und das spürt sie immer deutlicher. Bei dir ist das ja zum Teil auch so, aber du bist ja schon viel länger hier und bist unser Land mehr gewohnt, und vielleicht besitzst du auch mehr innere Stärke oder bist seelisch robuster.

Du denkst wahrscheinlich: Aber sie hat doch mich! Ich bin doch jetzt ihre Familie, ihre Heimat, der, der ihr Halt gibt und Geborgenheit. Leider das reicht auf Dauer nicht. Der Partner kann vieles sein, aber nicht alles. Du möchtest gern ihre Welt sein, aber das kann kein Mensch, selbst wenn er noch so viel Liebe gibt.

Ihre Lustlosigkeit hängt nicht wirklich mit dem fehlenden Orgasmus zusammen, denn sonst hätte ihre Lust ja schon viel früher nachgelassen. Der Druck und der Ehrgeiz, den du da an den Tag gelegt hast, das hat ihr schon eher auf die Lust gedrückt. Der Hauptgrund jedoch für die sexuelle Lustlosigkeit ist die Depression. Dazu kommen ja noch die Schmerzen wegen der Blase - bei Frauen sind Schmerzen beim Sex der häufigste körperliche Lustkiller. Ich nehme an, sie hat die Blasenprobleme unter anderen deswegen, weil ihr Körper eigentlich ein anderes Klima gewöhnt ist und auch weil sich ihr Unterbewusstsein über den Weg des Körpers immer noch gegen die neue (kalte) Umgebung wehrt.

Mein Rat lautet: 

Sprich sehr deutlich mit ihr (trau dich ruhig, denn sie ist weder ein Kind noch eine gebrechliche Oma). Eine Depression ist schlimm, aber man kann und man muss das behandeln lassen, wie bei jeder Krankheit.

Sag ihr, dass du ihre Passivität und ihre negative Stimmung nicht mehr ertragen kannst und dass sie was dagegen tun soll. Sie soll sowohl zum Arzt als auch zum Therapeuten (zu einem anderen als dem ersten!) gehen und auch dafür sorgen, dass sie eine richtige Aufgabe im Leben hat, oder sie soll in ihre Heimat zurückgehen. Am besten alles! Ich weiß, dass es sehr schwer für dich wäre, wenn sie nach Portugal zurückginge, aber es bedeutet ja nicht das Ende eurer Beziehung - sondern eher deren Rettung! Ihr könnt eine Fernbeziehung führen, ihr könnt einander besuchen, ein Jahr ist schnell vorüber. Aber zuerst einmal muss sie wegen der Depression zu eurem Hausarzt. Wenn ihr keinen habt, dann such einen (Allgemeinarzt).

Herzlichst

Beatrice Poschenrieder

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