Er redet nicht drumherum. Exklusiv im EXPRESS gibt Kölschrocker Peter Brings in seiner Kolumne Vollgas. Heute gibt’s was auf den Lärmschutzdeckel.
Samstagmorgen, Neuehrenfeld, 23 Grad, Sonne. Ich schnapp’ mir einen Eistee und pflanz’ mich in meinen Garten hinter dem Haus.
Die Vögel geben alles, es riecht nach frisch gemähtem Gras, und ich könnte entspannter nicht sein. Der totale Frieden!
Gut, der Wind steht schlecht und weht mir die Geräusche der nahen Autobahn herüber. Wenn ich die noch ausschalten könnte, wäre mein Glück perfekt.
Eben noch völlig im Reinen mit mir, fange ich an nachzudenken: Wenn mein Haus nicht in Neuehrenfeld in der Nähe der A 57, sondern stattdessen in Junkersdorf an der A 1 stünde, wär jetzt Ruhe!
Dort nämlich wurde bereits vor fast 30 Jahren beschlossen, den Anrainern ein großzügiges Geschenk zu machen: Lärmschutzmaßnahmen durch Eintunnelung der Kölner Westtangente. Kosten: schlappe 150 Millionen Euro, das sind pro Kölner Bürger vom Säugling bis zum Rentner 150 Euro.
Damit aber nicht genug! Weil den alimentierten Anwohnern die bloße Eintunnelung (Dach drup, fäädich) nicht ausreichte, da man den entstehenden toten Raum als Gefahr für die Sicherheit der angrenzenden Grundstücke sah, hat man so lange genölt, gejammert und jemaggelt, bis entschieden wurde, ein Glasdach à la Centre Pompidou/Paris, oder Museum of Modern Art/NYC draufzuhämmern. Die hinzukommenden jährlichen Reinigungskosten dürften mit Sicherheit auch jenseits von Gut und Böse liegen.
Saach ens: Hatt ihr se noch all?
Dieses Jahr werden in Köln für Kultur 148 Millionen ausgegeben (Zwei Mio weniger als die Luxusbetontunnelkosten).
In den Museen und Theatern tropft es von den Decken (selbstverständlich keine Glasdächer!), und die Heizungen pfeifen auf dem letzten Loch. Von einem „einmaligen Kraftakt“ sprechend, will die Stadt beeindruckende 70 Mio zur Sanierung der Kulturstätten in die Hand nehmen.
Der gesamte Sportetat liegt bei vergleichsweise überschaubaren 17,2 Mio, und für die Herrichtung der zum Teil völlig maroden Sportanlagen will man geradezu astronomische 4,5 Mio in die Hand nehmen. Das nenne ich mal eine total nachvollziehbare Prioritätensetzung!
Ich wette zudem, dass eine vergleichbare „Mer-han-et-jo-Maßnahme“ wie in Junkersdorf in Chorweiler, Bickendorf oder Kalk eher unwahrscheinlich bleibt.
Meine Erkenntnis: Wenn die Kohle sowieso was lockerer sitzt und man somit die Möglichkeit hat, in den eher gehobeneren Veedeln Kölns ansässig zu werden, hat man gute Chancen, von total übertriebenen und sinnfreien Aktionen zu profitieren.
Ich nehm’ noch einen Schluck von meinem Eistee, aber irgendwie schmeckt der mir nicht mehr ...
Euer Peter Brings
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