Sechs nackte Füße recken sich in die Höhe, die Fesseln sind die Hälse, die Knöchel die Schultern, an denen Hemden hängen. Auf den Zehen sitzen Perücken, Taucherbrillen als Augen: Fertig sind die „Bläck Fööss“ (für Immis: nackte Füße)! Die kölscheste aller Bands ist schon oft gelobt worden, aber so eine Hommage, wie sie die Stunker in ihrer 27. Sitzung hingezaubert haben, ist sensationell.
Bei der Premiere am Samstag gab es stehende Ovationen im E-Werk, nicht wenige Besucher hatten Tränen in den Augen. Denn es ist lustig und ergreifend zugleich, mit welchem Respekt die sonst so satirisch-scharfen Alternativ-Karnevalisten den Fööss ein Denkmal setzen.
Gut geklaut ist besser als schlecht erfunden: Winni Rau, Keyboarder bei „Köbes Underground“, sah die Nummer bei einer Artistin während des Gauklerfestes in Koblenz. „Ich dachte gleich: Das ist was für uns“, sagte er gestern dem EXPRESS. Nackte Füße - Bläck Fööss, die Assoziation war da, die Nummer ergab sich von selbst.
Alle jubelten bei der Premiere, nur die Akteure stöhnten, vor allem Ozan Akhan und Tom Simon. Ozan: „Für uns Männer ist das verdammt schwer, 5:30 Minuten lang ein Bein oder am Ende sogar beide Beine in die Luft zu strecken. Aber wenn sich dann die Zuschauer erheben, ist das alle Mühen wert gewesen.“
Alternativer und herkömmlicher Karneval werden immer ähnlicher? Richtig. Aber eine Nummer wie „Switch Alaaf“ ist nur bei den Stunkern zu sehen: Im Stile von „Switch“ werden TV-Hits parodiert. Da heißt es z.B. „Funken suchen ein Zuhause“.
Auf die Bühne kommt ein Blauer Funk (Ozan Akhan), der am Aschermittwoch am Heinzelmännchen festgebunden und ausgesetzt wurde. Und die Moderatorinnen (Martina Klinke und Anne Rixmann) sagen: „Ja, die Kerlchen werden angeschafft, wenn sie noch nüchtern und leicht zu händeln sind.“ Wieher!
Und vor TV-Richter Hold steht der Prinz, weil er 483 Mal pro Session lügt: „Heut ist der schönste Tag in meinem Leben.“
Nanu, das ist doch . . . Richtig: Nach 14 Jahren feierte Hans Kieseier sein Comeback als Stunker. Zum EXPRESS: „Ein spontaner Entschluss, das war, als hätte ich nie aufgehört.“
Das merkte man, zum Beispiel, als er als Ikea-Mann mit Elchgeweih auftrat, bei dem Hartz-IV-Empfänger kein Geld mehr bekommen, sondern als lebende Möbel (Didi Jünemann und Martina Bajohr) tätig werden.
Böse, böse: Mutter Gottes (Doro Egelhaaf) knöpft sich Jesus und „seinen Cousin Mohammed“ vor. Beide sollen nicht immer so zanken. Besser wäre „Allah-ma-lachen“.
Zu Mohammed: „Es würde helfen, wenn du lesen und schreiben lernst. Denn wer nichts weiß, muss alles glauben.“
Sie können's immer noch: Die politische Keule rausholen. In diesem Fall: Trullala Merkel (Anne Rixmann) schlägt im Regierungs-Kasperltheater mit der Klatsche zu.
Zum Beispiel den Westerseppel (Hans Kieseier), der von lieben Parteifreunden einen Strick geschenkt bekommt. Oder sie begrüßt Renate Künast (Martina Klinke): „Na, Biohexe, großen Bahnhof gehabt in Stuttgart, hihihi.“
Die Ökos kriegen ihr Fett weg. Koalition mit den Schwarzen einen Monat vor der Wahl: „Nein!“ Eine Woche vorher? „Nein!“ Eine Woche danach? „Okay!“
Die Stunksitzung ist 1984 aus dem Kölner Spielezirkus hervorgegangen, das sieht man bei Nummern wie dem optischen Highlight „China-Wiege“ (Foto): Auf einer riesigen, halbrunden Wippe zeigen die Roten Funken bei ihrem Besuch in Fernost, dass sie auch den heftigsten Fliehkräften standhalten können. Selbst Kölschgläser lassen sich wie auf einer schrägen Theke hin- und herschieben.
Regisseur Thomas Köller hatte die Idee zu der waghalsigen Nummer. Übrigens: Umschlagen kann das Halb-Rad nicht, weil es am tiefsten Punkten mit Gewichten beschwert ist. Dennoch stockte den Zuschauern manchmal der Atem (siehe Ausschnittbild).
Der Garant für musikalische Spitzenklasse bei der Stunksitzung: Köbes Underground. Ein Beispiel für viele: Drei singende Kacheln (Ecki Pieper, Georg Kunz, Carlos Neisel), das Krätzchen des Jahres!
Beispiel: „Das Kachelweibchen macht sich nett, und legt sich auf das Kachelschneidebrett. Zum Weibchen kommt dann mit Fesseln und Peitsche, wie man sich denken kann – der Kachelmann.“
Weiteres Musik-Highlight: Die singende Sitzungspräsidentin Biggi Wanninger in Bestform. Bei ihr wird aus „Simply the Best“ das umwerfende „Ich nehme den Rest.“ Sie tanzt auf dem Tisch, der Saal steht.
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