„Wie viel Uhr haben wir denn?“ Eine ganz einfache, vermeintlich freundliche Frage. Andreas B. (Name geändert) zückt sein Handy mit der Digitaluhr.
Das gefällt den Tätern. Andreas wird „abgezogen“. So heißt der kriminelle Trend unter Jugendlichen. Das Opfer packt jetzt aus.
Es ist früh am Morgen: Der 16-Jährige ist auf dem Weg zur Realschule in Mülheim. Im Mülheimer Stadtpark sitzen zwei Jugendliche auf einer Bank am Wegesrand. Die beiden fragen ihn nach der Uhrzeit. Ganz freundlich. Und bereitwillig will er ihnen Auskunft geben.
Doch die Täter haben anderes im Sinn: Sie wollen sein Handy. „Durch die Frage nach der Uhrzeit haben die erst gecheckt, ob es sich lohnt mich „abzuziehen“. Als sie sahen, dass mein Handy ganz gut war, wollten sie es haben“, sagt Andreas.
Die Politologin Christine Kammerer erklärt: „Erst werden die Opfer durch belanglose Fragen in eine Zwickmühle geführt, dann wird der Ton immer aggressiver. Irgendwann kann sich das Opfer nicht mehr argumentativ aus der Situation lösen. Alles was gesagt wird, verwenden die Täter gegen das Opfer, bis es zu einer Eskalation kommt.“
So auch bei Andreas: Als er das Telefon nicht sofort herausgibt, drohen ihm die Jugendlichen erst, halten ihn fest – dann schlagen sie zu. Eine volle Plastikflasche hauen sie ihm durchs Gesicht. Weil er weitere Verletzungen nicht riskieren will, gibt er sein Handy raus. „Man weiß nie, an wen man gerät. Schief angucken reicht manchmal schon.“, erklärt der Jugendliche.
Ist das alles nur ein Zeitvertreib? „Ich denke, dass die Täter das Geld für Drogen ausgeben. Da steht Gras an erster Stelle“, erklärt Andreas die Motivation. Außerdem ist er sich sicher, dass er wahllos ausgesucht wurde. „Den Tätern ist es egal, um wen es sich handelt. Die handeln vollkommen willkürlich!“
Andreas sieht die Tat gelassen. „Messer und Schlagringe sind an der Schule üblich. Gewalt ist alltäglich.“ Ein gefährlicher Gewaltstrudel, der Hemmungen sinken lässt.
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