Der Pfusch auf der U-Bahn-Baustelle Waidmarkt (EXPRESS berichtete). Polier Rolf K. soll zig Tonnen Eisenbügel, die zur Stabilisierung der sogenannten „Schlitzwände“ vorgesehen waren, an Schrotthändler verkauft haben. Jetzt kommen neue Details des Skandals ans Licht.
So sollen nach EXPRESS-Informationen zwei Zeugen bei den Vernehmungen durch die Kriminalpolizei ausgesagt haben, dass der Polier die Anweisung gab, die Bügel nicht zu verbauen. Man habe sie ungenutzt in den Schrottcontainer geladen. Die Begründung des Poliers soll gewesen sein, dass man unter Zeitdruck stehe und durch den Nicht-Einbau der Bügel Zeit spare. Wenn der Container voll gewesen sei, habe ihn der Schrotthändler abgeholt – und der Polier kassiert.
Die Kölner Staatsanwaltschaft glaubt, dass die fehlenden Stahlstücke nicht ursächlich für den Einsturz des Stadtarchivs waren. Doch einige Experten halten es durchaus für wahrscheinlich, dass der Pfusch die Katastrophe ausgelöst haben könnte.
„Die Verlegung der Eisenstangen ist vorgegeben durch die Pläne des Statikers“, so Bauleiter Rolf Adrian vom Ingenieurbüro CMS in Neuss. „Wenn man sich daran nicht hält, kann die Schlitzwand brechen. Die Stangen haben ja eine stützende Funktion.“
Nach wie vor gilt ein Bruch der Schlitzwand direkt vor dem Stadtarchiv als die wahrscheinlichste Ursache für den Einsturz. „Die Eisenbügel verbinden die einzelnen Stahlteile miteinander“, so Heinrich Bökamp, Präsident der Ingenieurkammer-Bau NRW. Fehlten zu viele davon, könnte die Wand dem Druck nachgeben und schlimmstenfalls einbrechen. „Wenn ein Drittel der Bügel fehlen würde, das wäre schon heftig“. Auch die KVB schließen einen Zusammenhang nicht aus: Es sei „denkbar“, dass auf Grund der fehlend en Eisenbügel „dem Grundwasserdruck kein ausreichendes Widerlager“ geboten wurde, heißt es in einem Vermerk der KVB.
Aufregung auch in der Landeshauptstadt: Das ehrwürdige, 100 Jahre alte Kaufhof-Gebäude ist während des dortigen U-Bahnbaus um zwei Millimeter abgesackt.
Die neue U-Bahn-Strecke soll vom Süden quer durch die Innenstadt bis nach Wehrhahn im Osten führen. Dort steht auch der Kaufhof, dessen Untergrund momentan von zwei Seiten attackiert wird, damit sich der riesige Tunnelbohrer durch den Untergrund fressen kann.
Das alte Gemäuer wurde im Keller mit 50 Laser-Messsensoren ausgestattet. Ein Bautechniker erklärte, richtig kritisch für das Gebäude würde es bei einer Absenkung von 25 Millimetern.
Rund zehn Personen sollen von dem Verkauf der Eisenbügel profitiert haben. Ein Zeuge soll erklärt haben, er habe jeweils zwischen 50 und 200 Euro, ein andere Zeuge soll gesagt haben, er könne sich an mehrere Zahlungen erinnern und an den Betrag von 140 Euro.
Außerdem konnten die Bauarbeiter in der Bäckerei neben dem Stadtarchiv offenbar umsonst Brötchen und Kaffee bekommen. Der beschuldigte Polier soll der ahnungslosen Bäckersfrau Geld gegeben haben, das sie dann mit dem Verzehrten verrechnete. Wenn das Geld aufgebraucht war, habe der Polier nachgelegt.
K. handelte offenbar nicht allein: Gestern wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft gegen einen weiteren verantwortlichen Bauleiter ermittelt. K. selbst, der mittlerweile beim Bau der Wehrhahn-U-Bahnlinie in Düsseldorf beschäftigt war, wurde dort gestern suspendiert.
Brisant: Rolf K., der die Vorwürfe bisher bestreitet, war, als die Schlitzwände in Köln 2005 gebaut wurden, auch für die Baustellen „Heumarkt“ und „Rathaus“ zuständig. Auch hier soll er befohlen haben, nicht alle Eisenbügel einzubauen. Ein Zeuge soll erzählt haben, ein Drittel sei nicht verbaut worden, der andere soll von der Hälfte gesprochen haben. Schätzungen zufolge könnte das 16.000 bis 20.000 Euro gebracht haben.
Um die Unregelmäßigkeiten zu vertuschen, so wird vermutet, habe der Polier die Vermessungsprotokolle der Schlitzwände manipuliert – identische Protokolle gibt es für bis zu vier verschiedene Schlitzwandlamellen in allen drei Baustellen. Die KVB haben alle drei Bauwerke statisch prüfen lassen. Sie sind standsicher.
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