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Express.de | BAP-Chef im Interview: Niedecken: Kein Facebook aber eine Familien-WhatsApp-Gruppe
29. December 2014
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BAP-Chef im Interview: Niedecken: Kein Facebook aber eine Familien-WhatsApp-Gruppe

EXPRESS traf den Musiker zum letzten Interview im Jahr.

EXPRESS traf den Musiker zum letzten Interview im Jahr.

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Patric Fouad

2014, ein bewegendes Jahr – auch für Wolfgang Niedecken (63). EXPRESS traf den Musiker zum letzten Interview im Jahr. Beim vegetarischen Frühstück ging’s nicht nur um BAP, sondern auch um die Anti-Islamismus-Aufmärsche und den FC.

EXPRESS: Schöne Weihnachten gehabt?

Niedecken: Wunderbar und sehr entspannt. Wir feiern immer mit der ganzen Familie zu Hause. Unsere Töchter Isis (20) und Jojo (19) waren da, meine Jungs Severin (31) und Robin (28) mit ihren Freundinnen. Herrlich. Jetzt werden wir das Jahr ganz höösch ausklingen lassen. Vielleicht fahren wir noch nach Erfurt, zu den Abschlusskonzerten unseres Freundes Clueso.

66 Konzerte in 2014. War das Jahr sehr stressig?

Auf der Bühne stehen, auf Tour zu sein – das stresst mich am allerwenigsten. Mich stresst eher das Zeugs zwischendurch. Wenn zu viele was von mir wollen oder wenn was schiefläuft. Aber auf der Bühne die Songs zu spielen, das ist das Sahnehäubchen überhaupt.

Was passiert im neuen Jahr?

Seit drei Monaten schreibe ich an den Songs für unser 18. Studio-Album. Ende September entstand der erste Text, inzwischen stehen neun. Läuft jot. Ich hatte ja erst ein bisschen Muffe, denn es wird immer schwerer, was Neues zu erzählen. Ich will mich auf keinen Fall wiederholen. Vor Weihnachten war ich noch für drei Tage in Hamburg. Da wohnen Anne de Wolff und Ulrich Rhode, unsere beiden Multi-Instrumentalisten. In ihrem Studio habe ich die Texte mal auf Demos eingesungen, die ideale Tonart ausgecheckt und geguckt, wie sich die ersten Arrangements fürs neue Album anhören. Das Album wollen wir 2015 aufnehmen, 2016 feiern wir dann 40 Jahre BAP – mit einer Jubiläumstour, auf der wir ausschließlich Hits spielen.

Schreibst du die Texte immer noch mit der Hand? Mit Bleistift auf Papier?

Ich weiß, ich bin ein Steinzeitmensch, was die Technik betrifft. Aber selbst ich benutze inzwischen das iPad. Da wird einmal der Song mit einem Blendax-, also einem Phantasietext aufgenommen und einmal ohne. Da kann ich hin und her wechseln und meine Texte exakt auf die komponierte Gesangsmelodie schreiben. Nix mehr mit Kassetten, hin und her spulen. Gut, dass das vorbei ist, da wurde ich manchmal wahnsinnig.

Was ist mit WhatsApp, Facebook & Co.?

Nix für mich. Aber wir haben da eine Familien-WhatsApp-Gruppe mit Isis und Jojo. Die sind beide inzwischen ausgezogen und studieren. Isis in Berlin, Jojo in Mannheim. Diese „Standleitung“ hilft uns beim Loslassen der Kinder. Die Kommunikation übernimmt meine Frau Tina. Und ich werde von ihr immer bestens informiert. Kennst du übrigens den Unterschied zwischen einer Mutter und einem Pitbull? Der Pitbull lässt irgendwann los...

Du unterstützt das „World-Vision“-Projekt „Rebound“ – wie geht’s da weiter?

Die Firma Jack Wolfskin hat einen neuen Chef, und der ist aus dem Projekt, mit dem ehemaligen Kindersoldaten und jugendlichen Zwangsprostituierten im Ostkongo geholfen wird, zurück in ein normales Leben zu finden, ausgestiegen. Wir haben händeringend nach einem neuen Sponsor gesucht – und dann hat uns Wolfram Kons angeboten, beim RTL-Spendenmarathon dabei zu sein. Sensationell! Aber ich mache mir keine Illusionen: Dieser Teil Afrikas und die fürchterlichen Dinge, die da passieren – das ist ein Weiterblätter- und Wegzapp-Thema. Trotzdem unterstützt uns RTL. Super! Wir warten jetzt ab, wie viel Geld dadurch reingekommen ist. Das wird durch einen Schlüssel auf die einzelnen Projekte verteilt. Aber ich bin mir sicher, es wird genug sein, um weiterzumachen. Im nächsten Jahr fliege ich wieder für eine Woche nach Butembo und gucke, wie es läuft.

Auf der nächsten Seite spricht Wolfgang Niedecken über die Hogesa-Demo und den FC.

In Köln gingen bei der Arsch-huh-Demo mehr als 15.000 Leute gegen die Hogesa-Demo auf die Straße. In Dresden waren zuletzt rund 1600 beim Anti-Islamisierungs-Aufmarsch…

Das ist ein schlechter Witz! Ich finde es furchtbar, dass die sich diesen Montags-Demo-Spruch „Wir sind das Volk“ angeeignet haben. Wenn man überlegt, was damals in der DDR hinter dem Satz stand, wie viel Respekt man davor hatte! Nein, die sind nicht das Volk. Damals war es das Volk. Auch unfassbar, dass die in Bonn mit unserem Slogan „Arsch huh, Zäng ussenander“ ihre Aufmärsche bewerben wollten. Da gibt’s inzwischen eine einstweilige Verfügung. Aber wir müssen mit dem Thema weiter behutsam umgehen und versuchen, im Gespräch zu bleiben. Es geht um Aufklärung und politische Bildung. Ich glaube nicht, dass bei den Hogesa- oder Pegida-Aufmärschen nur Nazis auf die Straße gehen. Die Leute lassen sich von den Rattenfängern verführen. Und die muss man entlarven.

Bundeskanzlerin Angela Merkel will 2017 noch mal antreten. Gut so?

Warum nicht? Die hat ihren Laden jedenfalls im Griff. Und zwar besser, als wir alle das jemals gedacht hätten. Angela Merkel hat vielen gezeigt, wo der Hammer hängt, was aber nicht heißt, dass ich da eine Wahl-Empfehlung geben würde.

Kölns OB Jürgen Roters tritt 2015 ab…

Ich mag Jürgen Roters gern, der ist kein Lautsprecher. Die Frage ist, was man will. Einen Verwaltungsspezialisten, wie Roters einer ist, oder eine kölsche Rampensau, wie sein Vorgänger Fritz Schramma es war. Aber auch in der Politik gibt es keine Eier legende Wollmilchsau. Ich muss aber sagen, dass ich mich 2014 aus Zeitmangel wenig mit der Kölner Kommunalpolitik befasst habe. Das sollte ich ändern. Wäre ein Vorsatz für das nächste Jahr.

Was sagst du zum FC?

Der ist auf einem sehr, sehr guten Weg. Das Gefühl habe ich ja schon seit längerem. Seit der Peter Stöger trainiert und Jörg Schmadtke den Sportdirektor macht, regiert die ruhige Hand. Das sind Profis, die wissen, wie das Geschäft läuft. Der FC ist durch tiefe Täler gegangen, aber inzwischen setzt sogar in Köln mal ein Lernprozess ein. Hat lange gedauert, bis auch wir gemerkt haben, dass wir nicht mehr das „Real Madrid vom Rhein“ sind. Wir dürfen fürs Erste mal froh sein, wenn wir uns für die Erste Liga qualifizieren.

Das politische Ereignis des Jahres 2014?

Ratlos gemacht hat mich der Gaza-Krieg – in Wechselwirkung mit dem Islamischen Staat. Was da in diesem Teil der Welt abgeht, ist sehr besorgniserregend. Von der Menschenverachtung des IS bis zur Brutalität, mit der die Israelis Gaza bombardiert haben. Ich hoffe, dass jetzt möglichst viele Staaten Palästina anerkennen, damit die israelische Siedlungspolitik nicht mehr so weitergeht. Eine Zwei-Staaten-Lösung wird immer dringender.

Dein Buch des Jahres?

In diesem Zusammenhang fällt mir natürlich ,,Breaking News“ ein. Denn Frank Schätzing ist es wirklich gelungen, die Geschichte Israels bzw. Palästinas auf einen Thriller herunterzubrechen und somit anschaulich zu machen.

Das Album des Jahres?

Tom Pettys ,,Hypnotic Eye“ – die Heartbreakers werden in Ehren alt, und wenn sie ins Studio gehen, kommt dabei immer etwas Richtungweisendes raus.

Das Konzert des Jahres?

Neil Young in Mainz. Bewundernswert, wie dieser Kerl sich hält und immer nur das tut, was er selbst für richtig hält. Man nennt ihn ja auch den ,,Unbeirrbaren“.

Das Fußballspiel des Jahres?

Natürlich das WM-Halbfinale Deutschland gegen Brasilien. 7:1! Das ist so ein Spiel, von dem wir alle immer wissen werden, wo wir es mit wem gesehen haben.

Letzte Frage: Hat dich dein Schlaganfall von 2011 verändert?

Eindeutig. Im Jahr danach war ich so viel zu Hause wie lange nicht. Das hat die Familie noch mal zusammengeschweißt. Ich habe danach einen Kurs in Demut und Gelassenheit bekommen. Der Herrgott hat es gut gemeint – das ist heute unser Standardspruch. Und ich sitze jeden Morgen auf meinem Home-Trainer. Eine Stunde lang. Das zählt zu meinem Tagwerk, da gibt es keine Ausreden mehr.

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