Empfehlen | Drucken | Kontakt16.04.2011 - 20:48 Uhr

Der Kölner Profiler Raimund Drommel: An der Sprache erkenne ich jeden Verbrecher

Von JÖRG PHILIPPI-GERLE
Ihm macht so leicht keiner was vor: Dr. Raimund Drommel kennt den „Code des Bösen“.
Ihm macht so leicht keiner was vor: Dr. Raimund Drommel kennt den „Code des Bösen“.
Köln –  

Die Handschrift eines Menschen. Für Experten unverwechselbar. Doch wie ordnet man einem Menschen zu, wenn dieser etwas mit Computer oder Schreibmaschine verfasst hat? Einen Drohbrief oder ein anonymes Bekennerschreiben etwa. Dr. Raimund H. Drommel (65), Kriminologe und Sprachwissenschaftler aus Köln, sagt: „Kein großes Problem. Sprache verrät die Menschen, ist wie ein Fingerabdruck.“

Ausgeprägte Grammatikfehler, immer gleiche Zeichensetzungsprobleme, wiederkehrende Formulierungen, selbst die Angewohnheit, Briefe rechts- oder linksbündig zu unterzeichnen, kommen dabei auf den Prüfstand. Die Sprache verrät die Ganoven.

Er überführte den pfiffigen Möllemann
Er enttarnte die falsche Winnenden-Mail
Foto: ddp

Als Wirtschaftsminister und FDP-Vorsitzender schrieb Jürgen Möllemann (1945–2003) Empfehlungsbriefe für Einkaufschips, die ein Verwandter verkaufen wollte. Behauptete aber, die Briefe habe jemand anders auf Blankobögen verfasst. Drommel analysierte die Briefe. Anhand der Wortwahl, etwa „pfiffig“, einem Lieblingsbegriff Möllemanns, und des Aufbaus des Schreibens löste sich für ihn die „Mär von den Blankobögen in Luft“ auf.
Wir berichteten als erste Tageszeitung über seine Forschungsergebnisse. Möllemann musste zurücktreten.

Foto: dpa

Winnenden, März 2009. Kurz nach dem Amoklauf (16 Tote) des Schülers Tim K. († 17) tauchte im Internet ein angeblicher Eintrag des Jungen auf, in dem er die Tat ankündigte. Baden-Württembergs Innenminister Rech zitierte daraus, u. a. „Scheiße Bernd, es reicht mir. Ich habe dieses Lotterleben satt, immer dasselbe – alle lachen mich aus, niemand erkennt mein Potential.“ Drommel stutzte gleich, etwa über das Wort „Lotterleben“, das für einen 17-Jährigen ungewöhnlich altertümlich wirkt, zum anderen nichts mit Depressionen und Opferrollen zu tun hat, in der sich Amokläufer sonst sehen. Dazu war auch Potential in alter Rechtschreibung geschrieben, nicht Potenzial, wie es Tim K. gelernt haben müsste. Und so setzten sich die Widersprüche fort. Der Experte: „Fast zwei Tage lang galt die Amokdrohung als echt. Keine zwei Stunden dauerte meine Entlarvung ihrer Fälschung.“

Zuletzt etwa den jungen Krefelder, der erst Drohbriefe an „dm“ schickte, dann Bomben am Dortmunder Fußballstadion ablegte.

Drommel, der Sprachprofiler, erstellte allein für Gerichte über 300 Gutachten, lag bis auf einen Fall – ein Täter mit multipler Persönlichkeit – immer richtig. Verhinderte nach eigener Aussage sogar ein geplantes Attentat der RAF auf Außenminister Klaus Kinkel (FDP).

„Wie genau, darf ich nicht sagen. Nur so viel. Die Inhaftierten und die Kontaktleute der RAF draußen haben sich z. B. Backrezepte zugeschickt. Scheinbar harmlos, aber für Kinkel hätte es gefährlich werden können.“

In einem neuen Buch („Der Code des Bösen“, Heyne) schildert der Sprachprofiler seine spektakulärsten Fälle.

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