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Empfehlen | Drucken | Kontakt 29.08.2012 - 16:27 Uhr

Skandale aus 50 Jahren Bundesliga: Als der Fußball seine Ehre verlor

Offenbachs Boss Horst-Gregorio Canellas (2. v. li.) trat die Enthüllungslawine los.
Offenbachs Boss Horst-Gregorio Canellas (2. v. li.) trat die Enthüllungslawine los.
Foto: Imago
Offenbach –  

Sein Verein, die Offenbacher Kickers, war tags zuvor abgestiegen. Doch die Sonne schien an diesem 6. Juni 1971 prächtig.

Wenig heiter wurde es dann, als Horst-Gregorio Canellas die prominenten Geburtstagsgäste in seiner Villa pünktlich um 12 Uhr zusammenrief, um ihnen auf dem Tonbandgerät etwas vorzuspielen.

Die versammelten Funktionärsgrößen der Bundesliga müssen fast zu Salzsäulen erstarrt sein. Denn die aufgezeichneten Telefonate, die ihnen Canellas da zu Gehör brachte, erschütterten den deutschen Fußball in seinen Grundfesten und führten dazu, dass die Fans das Vertrauen verloren, was einen dramatischen Zuschauerrückgang in den Stadien zur Folge haben sollte.

Die geschockte Öffentlichkeit musste erkennen, dass es Spielmanipulationen gegeben hatte. Die Tonvorführung setzte DFB-Chefankläger Hans Kindermann in Alarm, dessen anschließende Enthüllungen schockierende Ergebnisse ans Tageslicht brachten.

Vier Partien waren in der Saison verschoben worden! Über eine halbe Million Mark an Schweigegeld hatten die Betrüger eingesteckt. Über 50 Spieler, zwei Trainer, sechs Funktionäre und zwei Klubs wurden nach langen Prozessen schwer bestraft.

Besonders bitter: die Schalker Spieler, die am 17. April 1971 für eine Niederlage gegen die abstiegsbedrohten Bielefeld pro Mann 2.300 D-Mark kassiert hatten, leisteten Meineide, gaben den Betrug erst vier Jahre später zu.

Dass Borussia Mönchengladbach den Meistertitel verteidigte, war angesichts der Schlammlawine da nur noch fast eine Nebensache. Der Schaden war zu groß.

Das Skandal-Foul oder die längste Wunde der Liga

Ewald Lienen schreit vor Schmerz und zeigt Schiedsrichter Medardus Luca seinen Oberschenkel.
Ewald Lienen schreit vor Schmerz und zeigt Schiedsrichter Medardus Luca seinen Oberschenkel.
Foto: Imago

Der 14. August 1981: Es läuft die Partie Bremen gegen Bielefeld im Weserstadion. Ewald Lienen spitzelt den Ball an Norbert Siegmann vorbei. Arminias Stürmer ist zu schnell für den Werder-Abwehrspieler und wird brutal umgesenst.

Lienen wälzt sich vor Schmerzen auf dem Boden, greift sich an den Oberschenkel und verspürt nur Blut an den Händen. Denn Siegmann hatte mit seinen Eisenstollen den Oberschenkel seines Gegners 29 Zentimeter lang aufgeschlitzt.

„Ich war entsetzt und stand unter Schock. Die Wunde war so groß. Mir war zunächst gar nicht klar, was passiert ist“, erinnert sich Lienen.

Helfer eilen auf den Rasen, verbinden die riesige Wunde und heben den Gäste-Spieler auf eine Trage. Am Spielfeldrand reckt Lienen erbost seine Faust in die Luft und beschimpft Trainer Otto Rehhagel.

Lienen will am Spielfeldrand  Werders Trainer Otto Rehhagel an den Kragen (ganz links).
Lienen will am Spielfeldrand Werders Trainer Otto Rehhagel an den Kragen (ganz links).
Foto: Imago

Die Emotionen kochen hoch. Nach Lienens Meinung hatte der Werder-Coach seinen Schützling aufgefordert, den Angreifer auszuschalten. „Rehhagel hatte eine Minute zuvor Siegmann an die Seitenlinie beordert und ihm etwas zugerufen. Daran habe ich nach dem Foul sofort gedacht. Das man da eine eigene Interpretation hat, ist doch normal“, sagt Lienen. Zumal Bielefelder Auswechselspieler die Worte „Pack ihn dir“, gehört haben wollten.

Oberschenkel mit 23 Stichen genäht

Seine Karriere war zum Glück nicht beendet, Lienens Oberschenkel wurde mit 23 Stichen genäht, nach vier Wochen stand er wieder auf dem Rasen. Trotzdem hatte das Foul ein juristisches Nachspiel. Jedoch wurde Lienens Strafantrag gegen Rehhagel wegen mangels an Beweisen im November vom Landgericht Bremen abgelehnt.

Im Rückspiel saß König Otto nach einigen Morddrohungen mit einer Bleiweste auf der Bank. Auch Siegmann wurde nicht weiter verfolgt, für den DFB war es ein normales Foul, er hatte während der Partie „Gelb“ gesehen.

„Norbert Siegmann hat sich gleich entschuldigt und mir einen netten Brief ins Krankenhaus geschickt“, sagt Lienen. „Persönlich war das Thema dann für mich schnell gegessen.“

Die brutale Szene hatte auch etwas Gutes. Lienen: „Ich hatte wirklich großes Glück. Schon vorher wurde immer sehr hart gespielt, aber diese Situation sah spektakulär aus. Danach gab es endlich ein Umdenken in der Spielweise. Dafür habe ich nach dem Foul immer gekämpft.“

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