Empfehlen | Drucken | Kontakt20.11.2009 - 20:38 Uhr

Größter Wett-Skandal aller Zeiten: Mafia manipulierte mehr als 200 Spiele

Pressekonferenz am Freitag: UEFA-Experte Peter Limacher (l) und Ralf Ziegler von der Polizei Bochum
Pressekonferenz am Freitag: UEFA-Experte Peter Limacher (l) und Ralf Ziegler von der Polizei Bochum
Foto: ddp
Bochum –  

Der größte Wett- und Manipulationsskandal in der europäischen Fußball-Geschichte erschüttert auch Deutschland: Mindestens 32 Spiele von der 2. Bundesliga bis in den Juniorenbereich wurden manipuliert!

Neun Monate ermittelte die Staatsanwaltschaft Bochum, durch einen Zufallstreffer kam sie der Wettmafia überhaupt erst auf die Spur: In einem anderen Verfahren wurden Telefonate abgehört – und dabei wurde der Wettbetrug im Fußball offensichtlich.

Die Manipulations-Liste - HIER klicken...

Deutschland: 4 Spiele der 2. Bundesliga, 3 Spiele der 3. Bundesliga, 18 Spiele der Regionalligen, 5 Spiele  der Oberligen, 2 Spiele U 19

Belgien: 17 Spiele der 2. Liga

Schweiz: 22 Spiele der 2. Liga und 6 Vorbereitungsspiele

Kroatien: 14 Spiele der 1. Liga

Slowenien: 7 Spiele der 1. Liga

Türkei: 29 Spiele von der 1. Liga abwärts

Ungarn: 13 Spiele 1. Liga

Bosnien: 8 Spiele 1. Liga

Österreich: 11 Spiele 1. und 2. Liga

Hinzu kommen mindestens: 12 Spiele der Europa League und 3 Spiele der Champions League. Darüber hinaus besteht der Verdacht, dass bei einem Länderspiel zur Qualifikation der U 21- Europameisterschaft manipulativ eingegriffen werden sollte.

Der Fall Hoyzer - der Rückblick

19. Januar 2005: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) erhält einen Hinweis, dass Schiedsrichter Robert Hoyzer aus Berlin Spiele manipuliert hat, um daraus Geldvorteile zu ziehen. Der DFB beginnt gegen Hoyzer zu ermitteln.

21. Januar: Im Gespräch mit Volker Roth, dem Vorsitzenden des Schiedsrichter-Ausschusses, bestreitet Hoyzer die Manipulations-Vorwürfe.

22. Januar: Der DFB gibt bekannt, dass der Kontrollausschuss gegen Hoyzer ermittelt. Der Manipulations-Verdacht bezieht sich unter anderem auf das DFB-Pokal-Spiel zwischen dem SC Paderborn und dem Hamburger SV.

23. Januar: Der Geschäftsführende DFB-Präsident Theo Zwanziger spricht erstmals von Betrug.

24. Januar: Erstmals meldet sich Hoyzer zu Wort und erklärt, er habe nie auf von ihm geleitete Spiele gewettet. Der Hamburger SV legt Protest gegen die Wertung des Pokalspiels beim SC Paderborn ein.

25. Januar: Es wird bekannt, dass die vier Schiedsrichter Lutz-Michael Fröhlich, Manuel Gräfe, Olaf Blumenstein und Felix Zwayer dem DFB den entscheidenden Tipp im "Fall Hoyzer" gegeben haben. Hoyzer bekräftigt, er habe nicht betrogen.

26. Januar: Der DFB erstattet Anzeige gegen Robert Hoyzer. Thomas von Heesen bringt Schiedsrichter Dominik Marks in die Schusslinie. Beim Regionalliga-Spiel zwischen den Amateuren von Arminia Bielefeld bei Hertha BSC Berlin soll unter der Leitung von Marks zu auffälligen Entscheidungen gekommen sein. Marks bestreitet die Vorwürfe.

27. Januar: Robert Hoyzer gesteht die gegen ihn erhobenen Manipulationsvorwürfe. Zudem sagt er, dass in die Affäre noch viele andere Leute verstrickt seien.

28. Januar: Robert Hoyzer wird von der Staatsanwaltschaft Berlin vernommen. Nach Aussagen seines Anwalts belastet er dabei weitere Schiedsrichter und auch Spieler. Hoyzer gesteht 67.000 Euro für die Manipulation von Spielen erhalten zu haben.

29. Januar: Die Staatsanwaltschaft Berlin bestätigt, dass Haftbefehl gegen drei mutmaßliche kroatische Wett-Betrüger erlassen wurde.

30. Januar: Nach Hinweisen auf eine Verwicklung von Referee Jürgen Jansen in den Skandal setzte der DFB den Unparteiischen für Bundesligaspiel zwischen Meister Werder Bremen und Hansa Rostock wieder ab.

31. Januar: Der DFB setzt eine "Sonderkommission Wett- und Spielmanipulationen" ein, die für Aufklärung im Betrugs-Skandal sorgen soll. Paderborn bestätigt, dass Kapitän Thijs Waterink vor dem Pokalspiel gegen den HSV 10.000 Euro von einem Unbekannten erhalten habe. Paderborns Präsident Wilfried Finke beschuldigt HSV-Spieler, an der Manipulation beteiligt gewesen zu sein. Torhüter Ignjac Kresic vom Regionalligisten Dynamo Dresden bestätigt, dass die Mannschaft im Juni 2003 nach einem Sieg 15.000 Euro Prämie von einem unbekannten Sponsor erhalten habe.

2. Februar: Die Berliner Staatsanwaltschaft führt bundesweit Hausdurchsuchungen durch. In 10 Bundesländern an 32 verschiedenen Durchsuchungsorten wurden bei 19 Beschuldigten Beweismittel gesichert.

4. Februar: Schiedsrichter Jürgen Jansen beteuert auf einer Pressekonferenz in Passau seine Unschuld.

6. Februar: Torwart Georg Koch vom Zweitliga-Tabellenführer MSV Duisburg bestätigt, dass ihm 20.000 Euro geboten worden seien, um eine Zweitligabegegnung zu verschieben.

10. Februar: Das DFB-Sportgericht verhängt gegen Hoyzer eine Vorsperre. Hoyzer hatte in der DFB-Anhörung in Essen eingestanden, mehrfach nach Verabredung mit Kunden von Wettbüros Spiele des DFB-Pokals, der 2. Bundesliga und der Regionalliga manipuliert zu haben.

11. Februar: Für eine Entschädigung von rund zwei Millionen Euro hat der Hamburger SV auf eine Wiederholung des von Ex-Referee Robert Hoyzer manipulierten Pokal-Spiels beim Drittligisten SC Paderborn (2:4) verzichtet.

12. Februar: Robert Hoyzer wird in Berlin festgenommen.

14. Februar: Schiedsrichter Torsten Koop wird vom DFB nicht mehr eingesetzt. Er hatte den Verband über einen Anwerbungsversuch von Robert Hoyzer nicht rechtzeitig in Kenntnis gesetzt.

15. Februar: Das von Hoyzer manipulierte Zweitligaspiel zwischen Wacker Burghausen und LR Ahlen (0:1) vom 22. Oktober 2004 muss wiederholt werden. Der DFB verhängt gegen Zweitliga-Schiedsrichter Dominik Marks eine Vorsperre.

25. Februar: Nach 13 Tagen wird Robert Hoyzer aus der Untersuchungshaft in Berlin-Moabit entlassen. Der Haftbefehl, in dem ihm in acht Fällen mittäterschaftlicher Betrug angelastet werden, bleibt bestehen.

3. März: Das mutmaßlich von Marks manipulierte Regionalliga-Spiel zwischen den Amateuren von Hertha BSC Berlin und den Amateuren von Arminia Bielefeld (2:1) vom 14. August des vergangenen Jahres muss wiederholt werden.

10. März: Die Staatsanwaltschaft Berlin erlässt Haftbefehl gegen Marks und lässt diesen vor dessen Berliner Wohnung festnehmen.

11. März: Die Staatsanwaltschaft vollstreckt einen Haftbefehl gegen den früheren Bundesligaprofi Steffen Karl vom Regionalligisten Chemnitzer FC. Gegen Karl besteht der Tatverdacht des gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs, der versuchten Verbrechensabrede sowie der versuchten Nötigung.

7. April: Thijs Waterink wird als erster Spieler im Zuge des Wettskandals gesperrt. Der Niederländer wurde vom Sportgericht wegen "eines unsportlichen Verhaltens in Tateinheit mit passiver Bestechung" mit einem Spielverbot bis einschließlich 31. Juli 2005 belegt.

11. April: Milan S. aus dem Berliner Cafe King wird wenige Stunden nach seiner Freilassung erneut in Haft genommen.

12. April: Hoyzer tritt zum 31. März aus seinem Verein Hertha BSC Berlin aus und unterliegt damit nicht mehr der DFB-Sportgerichtsbarkeit.

28. April: Der DFB beschließt auf seinem Bundestag in Mainz ein Wettverbot für Spieler, Trainer, Funktionsträger sowie Unparteiische.

18. Mai: Ante S. wird vernommen und äußert sich zum Tatverdacht. Die Staatsanwaltschaft wertet die Aussagen als Geständnis.

8. Juni: Milan S. wird gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen.

29. Juni: Das Verfahren gegen Schiedsrichter Jürgen Jansen wird von der Berliner Staatsanwaltschaft eingestellt.

27. August: Der Dresdner Schiedsrichter-Betreuer Wieland Ziller wird für fünf Monate gesperrt. Der ehemalige FIFA-Schiedsrichter hatte im November 2004 eine Summe von mindestens 25.000 Euro von Ante S. erhalten und den Eindruck erweckt, das Geld an den vermeintlich manipulationsbereiten Jansen weiterzuleiten. Ziller hatte das gesamte Geld für sich behalten.

18. Oktober: Vor dem Berliner Landgericht beginnt der Strafprozess. Angeklagt sind neben Hoyzer und Marks der Ex-Profi Karl sowie die S.-Brüder Ante, Milan und Filip.

19. Oktober: Das Verfahren gegen Zwayer wird wegen geringfügiger Schuld eingestellt.

27. Oktober: Hoyzer bestätigt zu Beginn seiner Einlassungen im Großen und Ganzen die in der Anklageschrift erhobenen Vorwürfe und gibt ein Geständnis ab.

8. November: Der angeklagte Ex-Profi Karl streitet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe ab. Sein Verfahren wird abgetrennt behandelt und vor dem Berliner Landgericht fortgesetzt.

10. November: Der ehemalige Schiedsrichter Marks bestreitet jeglichen Vorwurf der Spiel-Manipulation. Der Ex-Referee gibt jedoch zu, 36.000 Euro von "Drahtzieher" Ante S. erhalten zu haben.

17. November: Hoyzer wird von der 12. Strafkammer des Berliner Landgerichts zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und fünf Monaten ohne Bewährung verurteilt. Der als "Drahtzieher" geltende Ante S. erhält wegen des gleichen Deliktes eine Haftstrafe von zwei Jahren und 11 Monaten ohne Bewährung. Gegen Marks wird eine Strafe von einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung ausgesprochen. Die Brüder Milan und Filip erhalten Bewährungsstrafen in Höhe von 16 Monaten beziehungsweise 12 Monaten.

8. Dezember: Karl wird wegen Beihilfe zum gewerbsmäßigen Betrug zu einer neunmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt.

18. Dezember: Hoyzer kündigt an, im Zuge seiner Resozialisierung ein sportliches Comeback in der Berliner Kirchenliga starten zu wollen.

Im November 2006 gingen die Ermittlungen weiter...

28. November 2006: Der Bundesgerichtshof vertagt bei der Hauptverhandlung im Revisionsverfahren die Urteilsverkündung. Vor dem 5. Strafsenat im Leipzig plädieren sowohl Oberstaatsanwalt Hartmut Schneider als auch die Verteidiger auf Freispruch. DFB-Boss Theo Zwanziger fühlte sich "beschämt und vom Staat im Stich gelassen".

15. Dezember 2006: Der 5. Strafsenat des BGH verwirft in Leipzig in höchster Instanz die Revision der Verteidigung und bestätigte das Urteil des Landgerichtes Berlin, das Hoyzer wegen Beihilfe zum Betrug zu einer Strafe von zwei Jahren und fünf Monaten verurteilt hatte. Der Hauptangeklagte Ante S. muss wie von den Berliner Richtern entschieden für zwei Jahre und elf Monate ins Gefängnis.

18. Juli 2008: Nach 14 Monaten Haft wird Hoyzer wegen guter Führung nach der Hälfte seiner Strafe aus dem Gefängnis entlassen. Bereits einen Tag früher ist auch S. wieder auf freien Fuß gesetzt worden.

In sechs europäischen Ländern sind Erstligaspiele betroffen, zudem sollen drei Champions-League-Spiele sowie zwölf Partien der Europa League verschoben worden sein. „Das ist zweifellos der größte Betrugsskandal, den es im europäischen Fußball jemals gegeben hat. Wir sind zutiefst betroffen vom Ausmaß der Spielmanipulationen durch internationale Banden.

Wir müssen alles dafür tun, dass die verwickelten Schiedsrichter Spieler, Sportler und Funktionäre der Sportjustiz zugeführt werden“, sagte Peter Limacher, Experte der UEFA für Bekämpfung von Spielmanipulationen. Fünf Jahre nach dem Skandal um Schiedsrichter Robert Hoyzer werden nun insgesamt 200 Personen verdächtigt.

Die Staatsanwaltschaft Bochum glaubt, dass nicht nur in Deutschland weitere Spiele betroffen sind. Aus ermittlungstaktischen Gründen wurden keine Vereine genannt. Insgesamt sollen 200 Spiele in neun Ländern betroffen sein – alle aus dem Jahr 2009. Darunter auch Spiele aus der laufenden Europapokalsaison.

Die Tätergruppe um die am Donnerstag festgenommenen Drahtzieher aus dem Hoyzer-Skandal, Ante und Milan S., sollen mit den manipulierten Spielen bei Wetten in Asien und Europa zehn Millionen Euro erschwindelt haben. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagte Andreas Bachmann, Leiter der Ermittlungen.

Warum haben die Frühwarnsysteme versagt?

Der Weltverband FIFA gründete vor vier Jahren das „Early Morning“ (früh am Morgen)-Warnsystem, um die weltweiten Wettvorgänge zu beobachten. Die Europäische Fußball Union UEFA hat unter der Leitung von Präsident Michel Platini seit Anfang 2009 zusätzlich das Frühwarnsystem BFDS eingeführt.

Beobachtet werden europaweit die Partien der beiden höchsten Ligen jedes Landes sowie Pokalspiele. Aus den Erkenntnissen erstellen die Manipulationsfahnder Profile für Spieler, Trainer und Klubs. In Deutschland arbeitet der DFB seit dem Hoyzer-Skandal vor fünf Jahren ganz eng mit dem Unternehmen Sportradar zusammen.

Dort werden die Quotenveränderungen der Wettanbieter in regelmäßigen Zeitabständen untersucht. Wenn Einsätze zu sehr in die ein oder andere Richtung gehen, werden automatisch Warnungen versendet. Jetzt fragen sich alle Beteiligten: Warum haben die umfangreichen Frühwarnsysteme allesamt versagt?

In Deutschland wurden am Donnerstag 15 Haftbefehle vollstreckt. Mehr als 50 Durchsuchungsbeschlüsse wurden europaweit vollstreckt, Bargeld und Vermögenswerte in Höhe von mehr als einer Million gesichert.

Schwerpunkt soll im nordrhein-westfälischen Herten liegen. Dort wurden nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" mindestens sechs Verdächtige festgenommen.

Im Zuge der Ermittlungen wurde auch der erste Spieler festgenommen. Wie der Landesligist Würzburger Kickers auf seiner Internetseite mitteilte, habe die Staatsanwaltschaft Bochum einen Spieler des Vereins am Donnerstag in Untersuchungshaft genommen.

Laut Homepage war der umgehend suspendierte Spieler bereits in einem früheren Wettskandal verwickelt. Der Spieler hatte damals auf Bitten eines asiatischen Wettbetrügers einen anderen Spieler gebeten, bewusst schlecht zu spielen, was dieser aber ablehnte und war dafür zu einer Geldstrafe von 8.400 Euro verurteilt worden.

Außerdem wurde jetzt bekannt, dass nach Informationen der Neuen Osnabrücker Zeitung auch zwei Profis des Zweitliga-Absteigers VfL Osnabrück verstrickt sein sollen.

Die Staatsanwaltschaft Bochum verdächtigt demnach einen 34-jährigen Mann aus Lohne, zwei Begegnungen des VfL in der vergangenen Zweitliga-Saison mit Hilfe von Osnabrücker Spielern manipuliert zu haben. Der Mann soll bereits verhaftet worden sein.

Betroffen sind angeblich die beiden Auswärtsspiele der Niedersachsen beim FC Augsburg (0:3) am 17. April 2009 und beim 1. FC Nürnberg (0:2) am 13. Mai.

Der 34-Jährige hatte laut Vorwurf der Staatsanwaltschaft hohe Summen auf die beiden Partien gesetzt und sich dabei auf eine Tordifferenz festgelegt, die dann tatsächlich eintrat. Aus abgehörten Telefonaten einer Sondereinheit der Polizei Bochum gehe hervor, dass der Verdächtige in dem Zusammenhang Kontakt zu mindestens einem VfL-Spieler aufgenommen habe.

"Wenn das stimmt, wäre das eine Katastrophe - das könnte dann ein Grund für den Abstieg gewesen sein", sagte Osnabrücks Präsident Dirk Rasch der NOZ, nach deren Informationen am Donnerstag im Rahmen der bundesweiten Polizeiaktion auch die Wohnung eines ehemaligen Osnabrücker Profis durchsucht wurde.

Im letztjährigen Team soll es laut Recherchen der Zeitung in Spielerkreisen wenige Profis gegeben haben, die regelmäßig und teilweise exzessiv auf Fußballspiele gewettet haben. Ein Spieler habe sich wegen seiner Wettschulden offenbart. Ihm soll unter der Voraussetzung, dass er sich in eine Therapie begeben würde, ein Gehaltsvorschuss gezahlt worden sein.

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