Empfehlen | Drucken | Kontakt03.02.2012 - 13:06 Uhr

Co-Trainer von Al-Ahly: Augenzeuge: „Mussten zusehen, wie einige auf dem Fußboden starben“

Fußball-Randale in Ägypten
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Die Ausschreitungen begannen nach einem Spiel der ägyptischen Teams Al-Ahli und Al-Masri (3:1) in der Stadt Port Said.


Foto: dapd
Kairo –  

Oscar Elizondo ist immer noch geschockt! Der Co-Trainer des ägyptischen Fußballclubs Al-Ahli hat sich noch nie in seinem Leben so gefürchtet wie bei den Stadion-Krawallen mit 74 Toten in Port Said.

„Man hörte die Geräusche von Schüssen und wusste nicht, ob es Gummigeschosse oder echte Schüsse sind, und außerdem Krach, Geschrei, Sirenen...“, sagte Elizondo, der sich mit seinem Team und rund 500 anderen Menschen in der Umkleidekabine einschloss und unverletzt blieb.

Die größten Fußball-Katastrophen

24. Mai 1964: 350 Zuschauer sterben bei Ausschreitungen während des Olympia-Qualifikationsspiel zwischen Peru und Argentinien in Lima. 500 Verletzte.

17. September 1967: 44 Tote beim Spiel im türkischen Kayseri, als sich nach einem umstrittenen Tor Zuschauer mit Pistolen, Messern und abgebrochenen Flaschen bekämpften.

23. Juni 1968: 73 Menschen sterben bei einer Panik nach dem Spiel River Plate und Boca Juniors in Buenos Aires/Argentinien.

2. Januar 1971: 66 Fans werden beim Derby zwischen Celtic Glasgow und Glasgow Rangers im Ibrox Park zu Tode getrampelt.

17. Februar 1974: 48 Menschen werden in Kairo beim Spiel gegen Dukla Prag zu Tode getrampelt.

20. Oktober 1982: 340 Fans kommen im Luschniki-Stadion beim Europapokalspiel zwischen Spartak Moskau und FC Haarlem ums Leben, als Panik auf einer vereisten Tribüne entsteht. Die damalige Sowjet-Führung verschwieg das Ausmaß dieser Katastrophe lange.

11. Mai 1985: 56 Zuschauer verbrennen auf einer Holztribüne in Bradford/England.

29. Mai 1985: Bei Krawallen während des Finales um den Europacup der Landesmeister zwischen Juventus Turin und FC Liverpool werden im Brüsseler Heyselstadion 39 Fans getötet.

9. Juli 1996: 70 Tote bei einem Spiel in Tripolis/Libyen, als der Schiri ein Tor nicht anerkennt.

11. April 2001: 43 Tote bei einer Panik im überfüllten Stadion beim Spiel zwischen Keizer Chiefs und Orlando Pirates in Johannesburg/ Südafrika.

10. Mai 2001: 137 Tote bei Ausschreitungen beim Spiel Accra gegen Kotoko in Ghana.

29. März 2009: 19 Tote beim WM-Qualifikationsspiel zwischen der Elfenbeinküste und Malawi – wegen Massenpanik.

„Die Verletzten kamen und gingen. Und leider mussten wir zusehen, wie einige auf dem Fußboden starben“, sagte Elizondo. Er habe in der Kabine jedes Zeitgefühl verloren. Die Menschen seien alle hysterisch gewesen und hätten wegen des Krachs nicht miteinander reden können, erinnerte sich der Argentinier, der seit etwas mehr als einem Jahr in Ägypten lebt.

„Die Spieler sind zutiefst erschüttert“, sagte Elizondo. Am größten sei die Tragödie für den Star von Al-Ahli, Mohamed Aboutrika. „Ein Junge starb in seinen Armen. Er versuchte, das Kind hinauszubringen...“ Die Fußballer hatten nach dem Spiel erklärt, nie wieder spielen zu wollen.

Elizondo ist sich sicher, dass die Katastrophe nach dem Spiel das politische und soziale Chaos in Ägypten widerspiegelt. Seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Hosni Mubarak sei das Land „außer Kontrolle“. Die blutigen Krawalle hätten ihn deswegen nicht überrascht. „Das konnte man kommen sehen.“

Tomek Kaczmarek, Co-Trainer der ägyptischen Nationalmannschaft, ist der Katastrophe von Port Said zum Beispiel durch eine rechtzeitige Warnung entgangen. „Ich war nicht im Stadion in Port Said, mir geht es gut. Wir sind vorher gewarnt worden“, sagte Kaczmarek, der seit Januar als Assistent des Cheftrainers Bob Bradley arbeitet, der „Bonner Rundschau“.

Kaczmarek, vor seinem Engagement Trainer des Landesligisten Bonner SC und der in der Bundesliga spielenden U19-Junioren, war trotzdem schockiert: „Das ist eine furchtbare Tragödie.“

Der 27-Jährige sagte aber auch, dass es Warnungen gegeben habe. Deshalb habe sich der Stab der Nationalmannschaft entschlossen, nicht ins Stadion zu fahren. Bereits einige Tage zuvor seien sie bei einem später abgebrochenen Spiel vor Ausbrechen der Unruhen aus dem Stadion geführt worden: „Auch hier sind wir gewarnt worden“, sagte Kaczmarek.

Die Zukunft der Nationalmannschaft ist nach der Tragödie weiter offen: „Bislang weiß ich, dass sechs Nationalspieler im Schock zurückgetreten sind“, sagte Kaczmarek. Trotzdem will er vorerst in Ägypten bleiben: „Ich fühle mich hier jederzeit sicher, ich empfinde Ägypten als fantastisches Land.“

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