Empfehlen | Drucken | Kontakt27.01.2012 - 11:26 Uhr

Das große Interview: Stevens: „Wir haben es verdient, da oben zu stehen“

Von MARCEL SCHWAMBORN
Schalke-Coach Huub Stevens im Parkstadion, wo seine erste Schalke-Karriere begann
Schalke-Coach Huub Stevens im Parkstadion, wo seine erste Schalke-Karriere begann
Foto: Eduard Bopp
Gelsenkirchen –  

Als Huub Stevens (58) Ende September als Nachfolger von Ralf Rangnick als Schalke-Trainer vorgestellt wurde, rümpften manche die Nase. Der Knurrer mit dem „Die-Null-muss-stehen“-Fußball bei Königsblau – ein Schritt zurück?

Aktuell ist Schalke punktgleich mit Bayern München und Borussia Dortmund an der Spitze der Bundesliga. Vor der Rückkehr zu seinem ehemaligen Arbeitsplatz in Köln trafen wir einen Trainer, der mit sich im Reinen ist und so gar nicht knurrig daherkommt.

Schalke-Coach Huub Stevens im Gespräch
Welche Rolle will Schalke im Meisterrennen spielen?

Wir wollen natürlich so lange wie möglich oben mitspielen. Letztlich bleibt Bayern für mich Titelkandidat Nummer eins. Sie haben den besten Kader. Wenn Gladbach und wir da oben mitmischen könnten, wäre das doch super, aber uns fehlt noch Stabilität. Wir haben etliche personelle Probleme, durch die lange Jones-Sperre, durch viele Verletzte.

Dortmund hat aber auch Verletzte, aktuell Mario Götze.

Die Borussia hat die Mannschaft aber schon längere Zeit zusammen. Die Götze-Verletzung wirft den BVB nicht aus der Bahn. Dortmund hat die Stabilität, die uns noch fehlt. Ich finde, wir haben es durch unsere Arbeit verdient, dass wir da oben mitmischen. Aber ob es reicht, bis zum Ende in der Spitzengruppe zu bleiben, wird man sehen. Das beste Beispiel war unser sehr gutes Spiel gegen Bremen (5:0, d. Red.). Vier Tage später fahren wir im Pokal nach Gladbach und bekommen nichts auf die Reihe (1:3, d. Red.). Das meine ich mit fehlender Stabilität.

Ihr Kader besteht aus Spielern, die Felix Magath geholt hat, und aus Spielern von Ralf Rangnick. Wie gehen Sie damit um?

Da muss man flexibel sein. Da ist ein Teil Magath im Team, ein Teil Rangnick, und dann komme ich dazwischen. Ich bin weder ein Magath noch ein Rangnick. Ich will ich sein. Ich kann nicht andere kopieren, dann läuft man vor eine Wand. Wir führen deshalb die Linie von Ralf weiter, aber mit meinen Gedanken über Fußball. Es macht mir Spaß, das ist das Allerwichtigste, das spüren die Spieler.

Andere Trainer hätten in der Winterpause dem Kader einen eigenen Anstrich gegeben.

Ich finde, dass der Kader viel Qualität hat. Man muss den Spielern das Vertrauen schenken. Der Trainer darf das Gesicht einer Mannschaft nicht alleine erstellen. Der Verein muss eine Philosophie haben, darin muss sich der Trainer finden. Wenn die dir nicht passt, darf man nicht anfangen.

Haben Sie sich im Laufe der Jahre in Ihrer Art des Umgangs mit den Spielern geändert?

Ich glaube schon, dass ich mich durch die Erfahrung weiterentwickelt habe. Man sagt ja: Verstand kommt mit den Jahren (lacht). Ein Tag, an dem man nichts lernt, ist ein verlorener. Eigentlich habe ich mich nicht gravierend verändert. Ich bin vielleicht etwas gelassener oder reifer geworden. Meine Fußball-Philosophie hat sich aber nicht geändert. Ich will weiterhin gut organisiert spielen, aber nach der Qualität der Spieler. Ich kann von einem Raúl nicht verlangen, dass er hinten grätschen soll. Dann beraube ich ihn seiner Qualitäten.

Ihr Vertrag läuft bis 2013. Wollen Sie langfristig auf Schalke bleiben?

Ich denke, wir reden erst ein halbes Jahr vor dem Ende des Vertrags. Ich weiß ja selbst nicht, ob ich mich dann noch so fühle wie jetzt. Der Job hält natürlich jung, aber er kostet auch Kraft.

Ihre Frau Toos lebt in Eindhoven. Wie klappt das mit der Fernbeziehung?

Ich habe ein Haus in Gelsenkirchen, in 75 Minuten bin ich aber auch bei meiner Frau zu Hause. Das Thema Einsamkeit ist schon wichtig für mich. Mein Sohn Maikel wohnt beispielsweise mit seinen zwei Kindern in Berlin. Als er letzte Woche Geburtstag hatte, waren alle Verwandten bei ihm, nur ich nicht. Da hat meine Enkelin am Telefon geweint und gesagt: Opa, ich vermisse dich. Da gerate ich schon ins Grübeln. Aber ich habe mich für den Job entschieden. Meine Frau besucht mich in Gelsenkirchen öfter als zu meiner FC-Zeit in Köln.

Ihre Frau litt unter der heimtückischen Krankheit Morbus Crohn. Hat sie die Krankheit überwunden?

Ja. Aber in dem Zusammenhang muss ich etwas klarstellen. Es heißt noch immer, ich hätte Köln 2005 wegen meiner Frau verlassen. Die Wahrheit ist die, dass mich meine Frau damals anrief und sagte, dass bei unserer Tochter Laura bei einer Untersuchung die gleiche Krankheit diagnostiziert wurde. Da habe ich Wolfgang Overath angerufen und wollte sofort zurücktreten. Aber meine Frau, mein Sohn und meine Tochter haben mich überredet, zumindest die Saison zu Ende zu machen. Ähnlich war es später, als ich beim HSV Trainer war. Als ich dort anfing, war meine Frau komplett gesund. Doch die Krankheit kam zurück, und ich musste wieder aufhören. Leider gibt es immer noch viele Menschen, die mir unterstellen, die privaten Gründe seien für mich nur Ausreden beim Wechsel der Vereine.

Einen Tag vor Heiligabend ist Ihre Mutter Mia gestorben. Um bei ihr zu sein, haben Sie zwei Schalke-Spiele verpasst.

Meine Mutter war sehr krank. Wir wussten, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt. Ist es nicht normal, dass man da menschlich reagiert? Ich kann das doch nicht beiseiteschieben, was um mich herum passiert. Wenn ein Spieler zu mir gekommen ist und gesagt hat, dass es Probleme bei seiner Frau, seiner Mutter oder Oma oder was auch immer gibt, dann hatte ich immer Verständnis.

Hört sich doch so an, als ob Sie manchmal ans Aufhören denken.

Ich bin bald 60. Natürlich frage ich mich schon, ob ich mir das alles antun muss. Aber auf der anderen Seite gibt mir der Job den Drive, es ist einfach die Fußballverrücktheit. Ich weiß, dass Trainerkollegen Schwierigkeiten haben. Umso bewundernswerter finde ich da so eine offene Aussage von Ralf Rangnick, der sein Burn-out gesteht. Ich denke, dass ihm das sehr geholfen hat, und glaube, dass er in der nächsten Saison wieder einen Job annimmt.

...und das sagt Huub über den FC

Seit seiner Zeit in Köln hat Huub Stevens immer auch einen Blick für den FC. Und das sagt er vor dem Duell am Samstag zur aktuellen Situation:

Mit Lukas Podolski haben Sie zu ihrer FC-Zeit gearbeitet. Sollte er beim FC verlängern oder wechseln?

Ich denke, dass Lukas aus seiner Zeit beim FC Bayern gelernt hat. Ich kann mir vorstellen, dass es für seine Entwicklung gut sein könnte, den Schritt woanders hin zu machen, was natürlich schade für Köln wäre, solch einen Spieler zu verlieren. Um eine genaue Empfehlung abgeben zu können, müsste man aber mit ihm sprechen, um zu erfahren, was er will. Lukas ist ein Spieler, der das Gefühl braucht, dass er ernst genommen wird. Wir beide haben zusammen funktioniert. Natürlich sind da auch Dinge zwischen uns vorgefallen, die nicht super waren. Aber daran wächst man auch.

Ist Podolski denn weiter ein Thema auf Schalke?

Der Name ist bei uns natürlich gefallen. Es wäre auch nicht gut, wenn wir uns nicht mit so einem Thema befassen würden, wenn so ein Spieler auf den Markt kommt. Es wäre aber sicher nicht einfach, solch eine Ablösesumme bezahlen zu können. Wir wissen ja momentan nicht, ob es uns möglich ist, Raúl zu halten.

Was erwarten Sie vom Spiel gegen Köln?

Der FC spielt zu Hause ganz anders als auswärts. Sie arbeiten vor allem mit langen Bällen auf Novakovic. Aber wir haben derzeit personelle Probleme, daher mache ich mir mehr Gedanken über meine eigene Mannschaft. Stale Solbakken kenne ich persönlich nicht. Er kommt aber sympathisch rüber. Seine Arbeit kann ich nicht beurteilen.

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