Seine Augen sind klein, er ist erschöpft und müde. Sven Lindner hat die ganze Nacht durchgearbeitet – mal wieder.
Seit drei Jahren arbeitet der 30-Jährige als Assistenzarzt in der Düsseldorfer Uniklinik. Er und seine Kollegen arbeiten bis zu 90 Stunden pro Woche. Die Leidtragenden sind vor allem die Patienten.
„Es besteht die Gefahr, nicht mehr die nötigen Leistungen bringen zu können. Einer weiteren EHEC-Krise zum Beispiel wären wir wohl nicht mehr gewachsen“, gibt Lindner zu. Laut Vertrag muss er 48 Stunden die Woche arbeiten, schnell werden es jedoch 60. „Kollegen in anderen Abteilungen kommen locker auf 90 Stunden“, so Lindner.
Der junge Assistenzarzt verdient rund 2.600 Euro netto im Monat – eigentlich nicht unbedingt ein schlechtes Gehalt, aber bei 90 Arbeitsstunden entspricht das gerade mal einem Stundenlohn von 7.22 Euro.
Jetzt kommt der Arbeitskampf! Die Urabstimmung der Ärztegewerkschaft „Marburger Bund“ unter den Uniklinik-Ärzten ist nach zwei Wochen beendet. Und das Ergebnis ist mehr als eindeutig: 97,4 Prozent der teilnehmenden Mitglieder stimmten für einen Streik. Die große Tarifkommission der Ärztegewerkschaft hat daraufhin beschlossen, Vorbereitungen für einen unbefristeten Vollstreik an 23 Uni-Kliniken zu treffen – auch an der in Düsseldorf. Die Arbeitsniederlegungen sollen am 7. November beginnen. „Die Ärzte in den Unikliniken haben vor fünf Jahren den ersten Arzt-Tarifvertrag erkämpft. Auch jetzt sind sie entschlossen, für die Durchsetzung ihrer Forderungen notfalls einen langen Weg zu gehen“, betont der Vize-Chef des Marburger Bundes, Dr. Andreas Botzlar. Für die Eskalation des Tarifkonflikts seien einzig und allein die Arbeitgeber verantwortlich. „Die wollen uns in ein Tarifdiktat aufzwingen, das der hohen Leistungsbereitschaft die Uniklinik-Ärzte Hohn spricht“, so der Vorwurf von Botzlar.
Und es sind nicht nur die langen, sondern auch unregelmäßige Arbeitszeiten. „Es sind definitiv immer mehr Nachtschichten geworden in den letzten Jahren“, so Lindner. Neun Stunden regulärer Dienst plus 16 Stunden Bereitschaft sind keine Seltenheit.
„Die Arbeitsbelastung im Bereitschaftsdienst darf eigentlich nicht über 50 Prozent liegen, tatsächlich liegt sie bei 90 Prozent. Von den letzten 90 Stunden in der Bereitschaft habe ich lediglich acht nicht gearbeitet“, ärgert sich der angehende Doktor.
Hans-Jörg Freese, Sprecher vom „Marburger Bund“ teilt diese Einschätzung: „Der Bereitschaftsdienst wird von den Kliniken immer mehr missbraucht.“ Der Ärzteverband fordert daher mehr Geld für Nachdienste und gerechtere Arbeitszeiten.
Auch der Uniklinik ist die angespannte Situation bekannt. „Generell haben wir Verständnis für die Forderungen der Ärzte. Der Ärztemangel ist nicht neu. Die Bewerberzahl ist deutlich zurück gegangen“, bestätigt Kliniksprecherin Susanne Dopheide.
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