Empfehlen | Drucken | Kontakt20.05.2008 - 00:00 Uhr

Nach langem Krebsleiden: OB Erwin (58) ist tot

Im Juni 2003 bekam Erwin die schockierende Diagnose, sagte: Ich habe Krebs!
Im Juni 2003 bekam Erwin die schockierende Diagnose, sagte: "Ich habe Krebs!"
Foto: EXPRESS

Düsseldorf - Ein heimtückische Krankheit, dieser Krebs. In der Nacht zu Dienstag starb Düsseldorfs Oberbürgermeister Joachim Erwin im Alter von 58 Jahren im Augusta-Krankenhaus in Rath.

Noch vor zwei Wochen war er - allen Warnungen zum Trotz - zu einer anstrengenden Dienstreise nach China aufgebrochen, von der er mit einer gefährlichen Infektion zurückkehrte.

Zuletzt war Erwin immer wieder im Krankenhaus, wo auch dieses Bild entstand.
Zuletzt war Erwin immer wieder im Krankenhaus, wo auch dieses Bild entstand.
Foto: Galert

Seine Familie, seine Freunde, seine politischen Gegner sind zutiefst betroffen. Keiner in Düsseldorf, der den Vollblut-Politiker nicht kannte. Und jedermann in der Stadt wusste auch, wie Erwin sich gegen diese heimtückische Krankheit gewehrt hatte. Er hat den Kampf verloren.

Seit Juni 2003 wusste er um die bösartigen Wucherungen in seinem Körper. Nach unerträglichen Magenkrämpfen hatte sich der unermüdlich Schaffende endlich zu einer Darmuntersuchung entschlossen. Er wählte dafür das Augusta-Krankenhaus in seinem Stadtteil Rath.

"Ich muss die Krankheit bewusst annehmen", erklärte Erwin damals unmittelbar nach seiner ersten Operation EXPRESS gegenüber noch im Krankenbett. "Ich muss jetzt damit bis zu meinem Ende leben. Wir sind letztlich aber alle in Gottes Hand. Ich habe daher auch keine Angst vor dem Tod."

Doch der Macher legte nicht etwa die Hände in den Schoß, sondern er kämpfte. Stürzte sich, so schien es Freunden, um so verbissener in die Arbeit. "Als wusste er insgeheim um die ihm verbliebene, nur noch kurze Zeitspanne", so einer seiner engsten Vertrauten, Klaus-Heiner Lehne. Nach seiner ersten Darm-Operation musste Erwin sich noch zwei weiteren Eingriffen unterziehen. Hoffte bis zuletzt auf die Wirkung der Chemotherapie.

Doch der Krebs erwies sich als stärker. Sein schon durch die Chemotherapie geschwächter Körper bäumte sich noch einmal gegen eine schwere Sepsis (Blutvergiftung) auf. Trotz Fieber, trotz zunehmender Schwächung seines Allgemeinzustandes: Erwin kämpfte weiter, "regierte" per Telefon vom Krankenzimmer aus, direkt oder indirekt über seine ihm tief ergebenen Büroleiterin Christina Begale.

Doch seine Kräfte ließen zuletzt merklich nach. Er wog trotz Aufbaumittel und Muskeltraining zuletzt nur noch 47 Kilo.

Dabei hatte Erwin sich noch so viel vorgenommen. Eines seiner Hauptziel erreichte er im vergangenen Jahr: Er konnte "seine Stadt" völlig entschulden, ihr nach Jahren eingeschränkter Handlungsfreiheit durch eine Zinslast von über 100 Millionen im Jahr endlich wieder die volle politische Freiheit zurückgeben.

Die Verwirklichung seines weiteren Großprojekts wird er nicht mehr erleben: Die Neugestaltung der Verkehrs-Infrastruktur durch den gerade begonnenen Bau der Wehrhahnlinie.

Gestalten, Handeln, Machen - das war von Anfang an die Triebfeder, die Joachim Erwin in die Politik führte. Und das nicht erst seit dem 1. Oktober 1999, als er gegen Amtsinhaberin Marlies Smeets von der SPD zum Oberbürgermeister gewählt wurde. Seine Wiederwahl am 26. September 2004 mit 50,4 Prozent war für ihn nur eine Bestätigung seiner Politik. Doch Erwin hatte die Weichen zu seinem politischen, auch persönlich empfundenen Erfolg, viel früher gestellt.

1949 im thüringischen Stadtroda geboren, war er mit seiner Familie zunächst nach Wuppertal gezogen. 1960 wurde der bekennende Protestant dann in Düsseldorf zunehmend zum Rheinländer. Schon als Schüler am Humboldt-Gymnasium zeigte er seine politische Begabung.

Als aktives Mitglied der Jungen Union machte er sich als studentischer Vertreter des RCDS einen Namen gegen die damaligen Links-Tendenzen an den Universitäten, bekam Hausverbot nach hitzigen Diskussionen in der Kunstakademie, die ihn später zum Ehrensenator ernannte.

"Das waren Zeiten", bekannte er später mit Glanz in den Augen. "Da musste man harte Kante fahren, um gegen den Modetrends bestehen zu können." Nach erfolgreichen Studium der Rechtswissenschaften, Sport und Hispanistik wurde der junge Anwalt 1975 erstmals für die CDU in den Stadtrat gewählt. Blieb der Stadtpolitik bis zuletzt verpflichtet, bis auf einen kurzen Wechsel als Nachrücker im Landtag.

Wegen seiner Eloquenz, seines couragierten Auftretens und seines phänomenalen Gedächtnisses für Daten und Fakten, selbst für kleinste Details, war er bei seinen politischen Gegnern gefürchtet, wurde aber für die Union auf Stadtebene zunehmend unverzichtbarer.

Freunde sahen Erwin bereits als Minister für Wirtschaft oder Finanzen, sogar schon als Superminister für beides, im Kabinett seines Partei- und Duzfreundes Jürgen Rüttgers. Doch der Ruf kam nicht.

Erwin sibyllinisch: "Sachverstand kann auch einem Herrn Rüttgers nicht schaden." Erwin sprach mit dem EXPRESS ganz offen über sein Ende und das, "was einmal von mir bleibt": "Da muss mein Name nicht dranhängen, wie zum Beispiel beim Wilhelm-Marx-Haus oder der Willi-Becker-Allee. Alles große Bürgermeister dieser Stadt. Wenn die Menschen sich aber erinnern, dass ich diese Stadt nach vorn gebracht habe, dann reicht mir das."

Professor Wolfgang Schulhoff, Erwin langjähriger Freund und Mentor, ergänzt: "Und das wissen die Düsseldorfer. Hinter der Fassade als Manager verbarg sich bei Jochen ein ganz mitfühlender Mensch, der vielen geholfen hat, ohne dafür Dank zu erwarten."

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