Empfehlen | Drucken | Kontakt04.08.2008 - 00:00 Uhr

Jeder 9. süchtig: Wir haben unseren Sohn ans Internet verloren

Von J. PRATKE, B. WIMMER und C. WIERMER
Christine und Christoph Hirte haben kaum noch Kontakt zu ihrem Sohn.
Christine und Christoph Hirte haben kaum noch Kontakt zu ihrem Sohn.
Foto: Jürgen Sauer

Jakob (24, Name geändert) war ein lebenslustiger Junge, ein begabter Schüler. Das Abitur schaffte er mit Bravour. Doch als er zum Studium 600 Kilometer entfernt von den Eltern in Gräfelfing bei München geht, wird er zu einem anderen Menschen. Sein Leben findet nun nur noch im World Wide Web statt. Jakob ist süchtig. Süchtig nach Computerspielen.

Echte Freunde hat er längst nicht mehr, eine Freundin schon gar nicht. Jakobs Freunde sind jetzt Dämonen und Feuerkämpfer, seine Welt ist die „World of Warcraft“. Bei diesem Online-Rollenspiel trifft er auf Gleichgesinnte aus der ganzen Welt. Morgens, mittags, abends. An Lernen war in letzter Zeit gar nicht mehr zu denken – Jakob hat inzwischen sein Studium geschmissen.

„Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren ist er vom realen Leben zu einem weitestgehend abgekoppelten Menschen mutiert“, sagten seine Eltern Christine und Christoph Hirte. Sie haben ihren Sohn ans Internet verloren. Um ihre Erfahrungen mit anderen betroffenen Angehörigen zu teilen, rief das Ehepaar aus Bayern im vergangenen Jahr das Online-Portal www.rollenspielsucht.de ins Leben. In nur wenigen Monaten wurde die Seite über 100000-mal besucht.

Die Sucht nach Computerspielen ist für Jugendliche - aber auch Erwachsene – ein großes Problem. Sind sie einmal der virtuellen Welt verfallen, bleiben sie es oft für immer.

Erschreckend ist eine neue Studie des Zentrums für empirische pädagogische Forschung (zepf) der Uni Koblenz-Landau unter 9- bis 20-Jährigen: Während das Daddeln am Rechner bei einem Teil der Heranwachsenden nur der vorübergehenden Unterhaltung diene, weise das Spielen bei 11,3 Prozent „pathologische Züge auf“.

Heißt: Jeder Neunte ist computersüchtig!

Der Weg zurück von der virtuellen in die reale Welt ist lang, weiß Klaus Wölfling, Leiter der Mainzer Ambulanz für Computer- und Spielsucht – einer einzigartige Therapie-Einrichtung. Psychologe Wölfling: „Wir führen die Betroffenen Schritt für Schritt zurück in ihr altes Leben.“

Sie kennen jemanden, der auch nach Computerspielen süchtig ist und wollen ihm oder ihr helfen? Bei den Adressen in der Info-Box finden Sie Rat!

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