Rumms! Riesenüberraschung im Bonner Landgericht. Kurz vor Ende des Mammut-Prozesses um den Skandalbau WCCB machte Richter Dr. Jens Rausch eine Kehrtwende. Jetzt sollen noch einmal 46 Ratsmitglieder angehört werden. Das Urteil wird wohl erst im Sommer fallen.
„Wir werden erneut in die Beweisaufnahme eintreten“, erklärte Richter Rausch nach einer einstündigen Beratungspause und vertagte die Sitzung auf den 6. März. Man sei auf bestimmte Dinge hingewiesen worden und müsse diesen nun nachgehen.
Damit hatte im Saal wohl niemand gerechnet. Denn eigentlich sollten Hauptangeklagter Man Ki Kim und seine Helfer ein letztes Mal zu Wort kommen. Der Grund für die späte Kehrtwende des Gerichts: Die Verteidigung von Kim hatte einen Antrag auf Vernehmung aller Ratsmitglieder gestellt.
Bisher waren nur rund ein Dutzend der Politiker vernommen worden, die 2005 das 140-Millionen-Euro-Projekt abgenickt hatten. Nun sollen auch die übrigen 46 Mitglieder befragt werden.
Der Stillstand auf der WCCB-Baustelle hat Spuren hinterlassen. Jetzt wurde die Bestandsaufnahme vorgestellt. Das Foyer: Wahrscheinlich müssen die 1 cm dicken Fliesen durch 2,5 cm dicke Betonwerksteine ersetzt werden. Sie haben nicht die erforderliche Tragfähigkeit. Kosten: rund 100.000 Euro. Wandverkleidung: Noch ist nicht klar, ob sie wirklich komplett raus muss.
Neue Trinkwasserverordnung: In öffentlichen Gebäuden muss das Leitungswasser zirkulieren. Es müssen Ringleitungen angebracht werden. Kosten: mehrere Zehntausend Euro. Lüftungsanlage: Sie muss komplett gereinigt werden. Dafür muss die Decke alle zehn Meter geöffnet werden.
Notstromaggregat: Die sogenannte Netzersatzanlage stand zu lange ungenutzt herum. Eventuell müssen nur einige Teil ausgetauscht werden. Eine Neuanschaffung kostet 100.000 Euro. Architekt Markus Kill (49) schätzt den Grad der Fertigstellung des WCCB auf rund 80 Prozent. Doch: „Ob wir den Eröffnungstermin (März 2014) verpassen, kann ich nicht sagen“, so Kill. Die geplanten 51,5 Millionen Euro würden jedoch ausreichen.
„Man kann von den befragten Ratsmitgliedern nicht auf den Rest des Rates schließen“, erklärte Kims Verteidiger Matthias Sartorius (31) gegenüber EXPRESS. Es sei „traurig“, dass die Kammer dies nicht schon vorher „ausermittelt“ habe. Nun müsse endlich geklärt werden, ob sich der Rat von Kim oder gar von der Verwaltung täuschen ließ.
Doch warum erst jetzt – eine Woche vor der geplanten Urteilsverkündung? Hätte die Verteidigung den Antrag nicht viel früher stellen können? „Wir wusste nicht, wie offen die Kammer dafür ist“, erklärte Kim-Verteidiger Sartorius. Insgesamt sei der Dialog eher schwierig.
Jetzt geht der Millionen-Prozess also weiter. Von den 46 Zeugen werden voraussichtlich vier pro Tag vernommen, es könnten also noch einmal rund 10 bis 11 weitere Termine dazukommen. Um Ostern herum ist eine mehrwöchige Sitzungspause eingeplant. Das Urteil fiele dann also erst im Sommer. Die Kosten steigen weiter…
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