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Express.de | Tumulte in Generalkonsulat an der B9: Bonner Tunesier an Wahl gehindert
27. October 2014
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Tumulte in Generalkonsulat an der B9: Bonner Tunesier an Wahl gehindert

Maitre Mehdi Labidi schätzt, dass 60 Prozent der Wähler betroffen sind.

Maitre Mehdi Labidi schätzt, dass 60 Prozent der Wähler betroffen sind.

Bonn -

Tumultartige Szenen am Sonntag am frühen Abend vor dem Tunesischen Generalkonsulat an der Godesberger Allee: Vor der Tür und im Flur der Landesvertretung schreiende Frauen und Männer. Viele fuchteln mit Zetteln in ihrer Hand. Sie sind wütend – weil sie daran gehindert werden, an der tunesischen Präsidentschaftswahl teilzunehmen!

Der Anruf erreicht die EXPRESS-Redaktion am Sonntag um 16.30 Uhr: „Kommen Sie schnell zum Generalkonsulat, hier geschieht schreiendes Unrecht!“

Vor Ort herrscht Chaos: tunesische Staatsangehörige reden wütend auf Konsulatsmitarbeiter ein, wüste Diskussionen entstehen. Es ist Wahltag in Tunesien, eigentlich dürfen sie schon seit Freitag bis inklusive Sonntag ihre Stimme abgeben. „Aber man lässt einen großen Teil von uns einfach nicht!“, sagt Hassan Honidheg (61).

Angeblich seien viele Leute nicht registriert und deswegen nicht zugelassen, sagt Honidheg. „Aber das ist schlicht gelogen,. Ich und all die anderen hier sind registriert“, sagt er atemlos. Honidegh weiß, wie Wahlen funktionieren: „Ich lebe schon lange in Deutschland, war schon Wahlhelfer bei vielen deutschen Wahlen. Das hier ist pures Chaos.“

Inzwischen ist die Polizei eingetroffen, sorgt mit sieben Kräften ein wenig für Ordnung im Tumult. „Mehr können wir nicht tun“, sagt ein Beamter.

In einer Nische des Flures steht der Kölner Anwalt Maitre Mehdi Labidi, er ist für die tunesische Anwaltskammer als Wahlbeobachter vor Ort: „Diese Menschen sind tatsächlich alle registriert, aber längst nicht jeder darf wählen“, sagt er. Sie würden einfach nicht im Computersystem auftauchen.

Erklären könne Labidi sich das nicht: „Wir wissen nicht, ob dieser Fehler im System absichtlich herbeigerufen wurde“, sagt er. Er schätze, dass 60 Prozent aller tunesich-stämmigen Wähler in Europa betroffen seien.

„Wir sind noch nicht mal auf die Wählerliste gekommen“, sagt Fadhila Dalhoumi (40), Tante der im tunesischen Kasserine erschossenen Ahlem (21). „Die haben die Wahlkarte nur bestimmten Leuten geschickt. Alles, was nicht präsidenten- oder parteifreundlich ist, darf nicht wählen. Familienmitgliedern in Dortmund, die wie wir Doppelstaatsbürger sind, erging es genauso.“

Nachdem Ahlem und ihre Cousine Ons von Polizisten erschossen worden waren, hatten die Dalhoumis vor dem tunesischen Konsulat demonstriert. Sie prangerten an, dass nicht richtig ermittelt würde, die Täter immer noch frei seien.

Ahlems Vater war am Freitagim Konsulat. „Er hat konkret gefragt, warum unsere Namen dort nicht stehen“, so Fadhila Dalhoumi. „Man hat ihm dann gesagt, dass sie uns nicht auf die Listen schreiben dürfen.“