Empfehlen | Drucken | Kontakt30.10.2008 - 00:00 Uhr

Jüdische Gäste brüskiert: Gedenksteine: Eklat beim Festakt in Alfter

Von JAN GERULL
In diesem Haus wohnten die vier Mitglieder der jüdischen Familie bis 1942. Die heutigen Bewohner wollten von den Gedenk-Steinen nichts wissen.
In diesem Haus wohnten die vier Mitglieder der jüdischen Familie bis 1942. Die heutigen Bewohner wollten von den Gedenk-Steinen nichts wissen.
Foto: E. Paul

Alfter - Skandal bei der Verlegung von vier Stolpersteinen. Zum Gedenken an die deportierte jüdische Familie Cossmann sollten sie vor dem Haus Knipsgasse 28 eingelassen werden. Doch plötzlich kamen der Besitzer und eine Bewohnerin aus dem Haus und schockierten die Anwesenden mit den Worten: „Wir wollen die Steine hier nicht haben.“

Wie müssen sich nur die Enkel einer in Auschwitz ermordeten Alfterer Jüdin gefühlt haben? Sie waren aus Israel und Großbritannien angereist, hatten der Verlegung von fünf anderen Stolpersteinen beigewohnt.

Die „Steine des Anstoßes“ wurden auf der anderen Straßenseite verlegt.
Die „Steine des Anstoßes“ wurden auf der anderen Straßenseite verlegt.
Foto: E. Paul

Bei der letzten Station in der Knipsgasse gefror ihnen das Blut in den Adern. Für die Gäste muss es so ausgesehen haben, als hätten die Deutschen nichts gelernt.

Was war passiert? Künstler Gunter Demnig wollte gerade mit der Verlegung der vier Steine zum Gedenken an die jüdische Familie Cossmann beginnen, da stürmten eine Bewohnerin und der Besitzer des Hauses aus der Tür. Beide sagten: „Wir wollen die Steine hier nicht haben.“ Peinliche Stille - der Eklat war perfekt.

Die Bewohnerin, Mutter von drei Kinder, stellt gegenüber EXPRESS klar: „Wir sind keine Antisemiten.“ Sie befürchte allerdings, dass das Haus nun von Betrunkenen aus den umliegenden Kneipen mit dumpfen Nazi-Parolen verschandelt wird. Angeblich hätte sie sich im Vorfeld um eine andere Lösung bemüht, sei aber von der Bürgerinitiative „Lebendiges Alfter“, die das Projekt ins Leben rief, ignoriert worden.

Noch kurz vor der Verlegung wollte man mit Bürgermeisterin Bärbel Steinkemper sprechen, doch diese habe sich in der Menge versteckt. „Sie wollte nicht diskutieren“, klagt die Bewohnerin.

Steinkemper selbst war um Schadensbegrenzung bemüht: „Natürlich war das ein höchst peinlicher Moment. Wir werden mit den Bewohnern über ihre Ängs te sprechen.“

Das Ende des „peinlichen Moments“: Künstler Demnig verlegte die Steine auf der anderen Straßenseite. „Da passen sie sowieso viel besser hin, man hat von dort den Blick aufs ganze Haus“, meinte er gelassen. Sein Kommentar zum Widerstand der Anwohner: „Die Leute argumentieren mit der Angst vor Neonazi-Taten und merken dabei nicht, dass sie den Rechten damit in die Karten spielen.“

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