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Eine Nacht soziale Kälte: EXPRESS-Reporter schliefen bei Obdachlosem in der U-Bahn

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Kaltes Nachtlager: Heiko (links) und EXPRESS-Reporter René Kohlenberg am U-Bahnhof.
Kaltes Nachtlager: Heiko (links) und EXPRESS-Reporter René Kohlenberg am U-Bahnhof.
Foto: Eckert
Bonn –  

Neuschnee, Eiseskälte - und im Rheinland leben Tausende Menschen auf der Straße. Ein purer Überlebenskampf – vor allem jetzt bei diesem Wetter. Zwei EXPRESS-Reporter machten den Selbstversuch: Eine Nacht als Obdachlose...

Es ist 19.40 Uhr, ich treffe meinen Kollegen Sebastian an der Bonner U-Bahn-Station Heussallee – es ist minus zwei Grad. Heiko (40) gewährt uns heute Nacht „Obhut“ bei sich. Während wir unser Lager neben ihm aufschlagen, schläft er.

Sein Bett besteht aus einem Schlafsack und zwei Isomatten. Daneben eine Rolle Klopapier und ein Aschenbecher, gebastelt aus einer leeren Keksschachtel. Eine abgeschnittene Dose dient als Bettelbox.

Gegen 20.20 Uhr wacht er auf, dreht sich zu uns um und grüßt freundlich: „Hey, alles klar?“ Er steht auf, reibt sich den Schlaf aus den Augen.

Seit zwei Jahren lebt Heiko auf der Straße. Seit er zwanzig ist, ist er heroinabhängig. „Es fing mit Gras an, dann Koks, Ecstasy, und dann ging es bergab“, sagt der gebürtige Düsseldorfer. 2001 musste er das erste Mal in den Knast, 2010 trennte er sich von seiner Frau, zog aus, landete auf der Straße.

21 Uhr: Sebastian hat sich in seinen Schlafsack verkrochen. Ich sitze frierend auf meiner Isomatte. Heiko friert offenbar nicht, er trägt eine Jogginghose unter der Jeans. Doch er wird spürbar hibbeliger, erzählt, dass er dringend noch los müsse. „Ich brauche pro Tag so 20 Euro.“ Die gehen für Drogen drauf. Jeden Tag zwei Schüsse, sonst funktioniere er nicht.

Gegen 21.50 Uhr bricht Heiko Richtung Hauptbahnhof auf. Sebastian und ich sind schon jetzt total durchgefroren. Wir laufen umher, im Sitzen ist die Kälte nicht zu ertragen.

Gegen 23 Uhr ist Heiko wieder da. Er wirkt entspannter, redet viel und steckt sich eine Zigarette nach der anderen an. Sebastian und ich sind vollkommen erschöpft, die Kälte raubt einem die Kraft. Inzwischen hat sie sich durch meinen ganzen Körper gefressen.

EXPRESS-Reporter Sebastian Eckert sitzt auf seiner dünnen Iso-Matte, stellt sich auf die eisige Nacht ein.
EXPRESS-Reporter Sebastian Eckert sitzt auf seiner dünnen Iso-Matte, stellt sich auf die eisige Nacht ein.
Foto: Eckert

Minus zwei Grad – Finger und Füße kann ich kaum noch fühlen. Ich habe Angst, mir eine Lungenentzündung zu holen. Heiko hingegen sitzt entspannt auf seinem Lager, liest: „Ohne Buch sieht man mich nie.“ Seine Lektüre: „Der Reinfall“ von Carl Hiaasen...

Mitternacht: Die Kälte hat uns so plattgemacht, dass wir in einen unruhigen Schlaf fallen. Ich wälze mich hin und her, es zieht eiskalt. Die Rolltreppe rumpelt, es stinkt nach Kippen und Dreck. Polizeiwagen rasen oben heulend vorbei. Immer wieder kommen und gehen Fahrgäste. Nur langsam wird es ruhiger.

Um 2 Uhr schrecken Sebastian und ich noch einmal hoch. Ein Mann in Orange reinigt die U-Bahn-Station. „Die putzen mein Wohnzimmer“, hatte uns Heiko vorgewarnt.

Als Sebastian und ich uns in den frühen Morgenstunden auf den Weg zurück in die Redaktion machen, sind wir völlig gerädert, frieren. Heiko schläft. Wir hinterlassen ihm unseren Proviant und einen Zettel: „Vielen Dank. Pass auf Dich auf!“

Das Leben auf der Straße

Rund 250.000 Menschen haben in Deutschland kein Dach über dem Kopf, 22.000 von ihnen leben dauerhaft auf der Straße. Bis 2015 erwartet die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. einen Anstieg um bis zu 15 Prozent auf 280.000 Bedürftige.

Häufige Ursachen sind steigende Mieten und die Verarmung der unteren Einkommensgruppen. Besonders betroffen sind junge Erwachsene unter 30 und ältere Menschen ab 50 in Ballungsräumen.

In Köln waren 2011 über 5600, in Düsseldorf fast 2000 Menschen ohne festen Wohnsitz registriert. Rund 65 Prozent sind Männer. Mindestens 274 Obdachlose erfroren bundesweit in den vergangenen 20 Jahren.

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