Empfehlen | Drucken | Kontakt02.11.2010 - 14:36 Uhr

Als Heimkinder missbraucht: Diese Männer zittern noch heute

Von CHRISTOF ERNST
Die Opfer betrachten ein Fotoalbum von damals. Nach 38 Jahren fanden sie den Mut, an die Öffentlichkeit zu gehen.
Die Opfer betrachten ein Fotoalbum von damals. Nach 38 Jahren fanden sie den Mut, an die Öffentlichkeit zu gehen.
Bonn –  

Es galt als Paradies, aber es war die Hölle! Das „Godesheim“ auf dem Venusberg zählte im Nachkriegsdeutschland zu den Vorzeigeeinrichtungen. Das Heim für Jungen war bekannt für seine Erlebnispädagogik.

Doch das, was einige der Kinder im Alter von 10 bis 14 Jahren im Godesheim in den 70er Jahren erlebten, war ein Alptraum, der bis heute anhält. Sie wurden geschlagen, weggesperrt, brutal bestraft, sexuell missbraucht und sogar vergewaltigt.

Einige Opfer haben sich dem EXPRESS anvertraut. Wir haben ihre Namen geändert. Zu ihrem eigenen Schutz. Denn im Lauf der Recherchen lernten wir Menschen kennen, die fast 40 Jahre nach den Demütigungen und Misshandlungen noch immer nicht schlafen können, unfähig sind, mit anderen Menschen in Partnerschaft zusammenzuleben.

Einer sagt: „Die Hälfte der Nacht hospitalisiere ich. Ich schlage mit dem Kopf hin und her und bin verzweifelt.“ Ein Mann hat das alles auf dem Gewissen: Herbert L. (Name geändert). Der Sozialarbeiter begann Anfang der 70er Jahre als Praktikant, stieg später zum Gruppenleiter auf. Seine Schützlinge gehörten zur Gruppe „Sturmeck“.

Opfer Werner M. (heute 46) zum EXPRESS: „Er hat es immer verstanden, einen von uns zu isolieren und sich dann an ihm zu vergehen. Ich durfte am 30. Juni 1974 als nachträgliches »Geschenk« zu meinem 10. Geburtstag in seine Dienstwohnung kommen, um mit ihm das WM-Spiel der deutschen Fußballer gegen Schweden anzuschauen. Als das Spiel vorbei war, öffnete Herbert L. seine Hose und nahm meine Hand. Ich sollte ihn befriedigen. Ich spürte, wie die Angst in mir explodierte.“

Der Junge rettete sich vor weiteren Attacken, indem er auf die Toilette flüchtete und über das Treppenhaus die Flucht ergriff. Nach dem gleichen Muster ging Herbert L. beim damals elfjährigen Max B. vor. Während einer Ferienfreizeit an der Ardèche in Südfrankreich musste Max als Jüngster zuerst ins Bett.

Herbert L. legte sich neben ihn. Max B.: „Erst schob er seine Hand in meinen Schlafsack und berührte mich, dann forderte er mich auf, ihn auch anzufassen und zu befriedigen. Noch heute schäme ich mich dafür, dass ich einen gewissen Kitzel dabei empfunden habe, obwohl das mit sexuellem Genuss überhaupt nichts zu tun hatte.“

Beide sagen dem EXPRESS: „Wir hatten noch Glück. Wir wurden »nur« misshandelt. Ein anderer aus der Gruppe wurde von Herbert L. während einer Jugendfreizeit in Schweden vergewaltigt. Das passierte während der Überfahrt auf einer Fähre.“ Dieses Opfer ist bis heute nicht in der Lage, über das Geschehene zu sprechen, geschweige denn, es zu verarbeiten.

Was sagt der Täter, der heute in Norddeutschland lebt, dazu? EXPRESS sprach mit ihm. Herbert L.: „Ich habe mit der Sache abgeschlossen. Ich streite keines der Vergehen ab. Mir tut es sehr leid, dass diese Menschen heute noch so leiden. Aber ich kann es nicht ungeschehen machen.“

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