Empfehlen | Drucken | Kontakt05.01.2012 - 10:13 Uhr

Uli Hoeneß wird 60: „Abteilung Attacke“ ist ein klein wenig altersmilde

Mit dem FC-Bayern feierte Uli Hoeneß riesige Erfolge.
Mit dem FC-Bayern feierte Uli Hoeneß riesige Erfolge.
Foto: dpa
München –  

Nein, behauptet Uli Hoeneß, er sei „kein großer Romantiker“. Und schon gar nicht, wenn es um runde Geburtstage geht.

Klar, er hat in diesen Tagen häufig zurückgeblickt, wenn einer wie er 60 Jahre alt wird, dann bleibt es nicht aus, dass er darum gebeten wird. Aber im Grunde, sagt Hoeneß, habe er auch jetzt, da er als Präsident nicht mehr unmittelbar in das Tagesgeschäft des FC Bayern München eingebunden ist, „nicht viel Zeit, um zurückzublicken - und ich will das auch gar nicht“.

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Hoeneß lebt in der Gegenwart, und mit mindestens einem Auge hat er auch stets die Zukunft im Blick. Wahrscheinlich war er deshalb schon immer - oder meistens jedenfalls - seiner Zeit voraus. Im Alter von 27 Jahren ist der Metzgersohn aus Ulm 1979 Manager beim FC Bayern geworden. Auf diese Idee, sagt er heute, „wäre ich zwangsläufig gekommen“. Der Rest ist Geschichte, ist ein so pralles Leben, dass seine Autobiografie „mindestens zehn Bände“ umfassen müsste, sagt Hoeneß, „wenn ich erzählen würde, was ich alles erlebt habe: Das ist unglaublich.“

Uli Hoeneß über...

...seinen 60. Geburtstag: „Ich muss nicht nach Hawaii oder auf die Malediven. Wenn ich irgendwann mal Lust dazu habe, werde ich das machen. Aber das ist nicht mein Lebenstraum.“

... die Herbstmeisterschaft 2011: „Wenn du immer Zweiter, Dritter, Vierter mit zehn Punkten Abstand bist, macht dich das krank, und da hast du keine schönen Wochenenden. Jetzt mit so einem schönen Weihnachtsergebnis gewinnt man zwei Monate Lebensqualität.“

... Louis van Gaal: „Mit van Gaal haben wir das Double geholt und standen im Champions-League-Finale. Dass der menschlich eine Katastrophe war, steht auf einem anderen Blatt. Fachlich war er top.“

... Jürgen Klinsmann: „Da haben wir für zigtausend Euro Computer gekauft. Da hat er den Profis in epischer Breite gezeigt, wie wir spielen wollen. Wohlgemerkt wollen. Jupp Heynckes hat einen Flipchart und fünf Eddingstifte. Da kostet einer 2,50 Euro. Und da malt er auf die Tafel die Aufstellung des Gegners und sagt ein paar Takte dazu. Mit Heynckes gewinnen wir Spiele für 12,50 Euro, und bei Klinsmann haben wir viel Geld ausgegeben und wenig Erfolg gehabt.“

... sein Engagement für den FC Bayern: „Ein Uli Hoeneß lässt den FC Bayern nie im Stich. Und wenn irgendein Problem entsteht, würde ich zur Not hier sogar ein halbes Jahr den Platzwart machen.“ „Früher habe ich 80 Prozent meiner Arbeitszeit mit den Spielern verbracht. Heute verwende ich 80 Prozent darauf, das Geld einzutreiben, um sie finanzieren zu können.“

... Karl-Heinz Rummenigge: „Der FC Bayern ist natürlich total modern. Karl-Heinz Rummenigge hockt den ganzen Tag vorm Computer und hat eckige Augen.“

... eine Hoeneß-Biographie: „Eine Biografie? Von mir? Nein. Never ever! Wenn ich die Wahrheit über das, was ich alles erlebt habe, schreiben würde, müsste man etwa zehn Bände machen - und ich müsste nach der Veröffentlichung nach Australien auswandern.“

... Real Madrids Bemühungen um Franck Ribery: „Nächstes Jahr kommt eher der Gerichtsvollzieher nach Madrid als Franck Ribery.“

... das Meisterrennen 2007, als Bremen den Bayern nahe kam: „Die sollen ruhig oben stehen bis Weihnachten. Aber der Nikolaus war noch nie ein Osterhase. Am Ende wird der FC Bayern wie immer oben stehen.“

... die eigenen Bayern-Fans 2007: „Das ist eine populistische Scheiße. Es kann doch nicht sein, dass wir kritisiert werden, die wir uns hier jahrelang den Arsch aufreißen. Was glaubt ihr, wer euch finanziert? Die Leute aus den Logen, denen wir das Geld aus der Tasche ziehen. Die Scheißstimmung, für die seid ihr doch zuständig und nicht wir.“

... Lukas Podolski: „Wenn einer zwei Tore gegen Liechtenstein schießt, dann hat das nichts zu heißen. Da würde auch unsere Drittliga-Mannschaft gut aussehen.“

... David Beckham: „Es nützt dir nichts, einen zu holen, der immer bei Bravo Sport auf der Seite eins steht. Wir wollen einen haben, der beim Kicker auf Seite eins steht.“

... Bastian Schweinsteiger nach der WM 2006: „Dem wurde zu viel Puderzucker in den Hintern geblasen. Immer soll die Sonne scheinen. Aber in Zukunft regnet es auch mal, wenn die Leistung nicht stimmt.“

... Christoph Daum: „Er ist ein Selbstdarsteller mit außergewöhnlichem Hang zum Größenwahn. Daran hat sich nichts geändert.“

„Der kann noch 100 Jahre spielen, der wird uns nie überholen.“

„Wenn Daum nicht so bescheuert gewesen wäre, eine Haarprobe abzugeben, hätte ich das Spiel nie gewinnen können.“

... Lothar Matthäus: „Solange Karl-Heinz Rummenigge und ich etwas beim FC Bayern zu sagen haben, wird der bei diesem Verein nicht mal Greenkeeper im neuen Stadion.“

„Wenn Matthäus Bundestrainer geworden wäre, das wäre, wie wenn der Chefspion des KGB Bundeskanzler geworden wäre.“

... Franz „Bulle“ Roth: „Ich habe mir früher im Training Schienbeinschützer angezogen, weil ich wusste: Wenn der “Bulle„ Roth sauer auf mich ist, dann fegt der mich auf die Aschenbahn. Das Training war für mich Überlebenskampf.“

... den Wunschgegner für das Champions-League-Finale 2001: „For me it's scheißegal.“

... über die Frauen-Fußball-WM: „Ich dachte, wir reden über Fußball.“

... Dortmund-Aktien: „Ich habe 5000 davon. Meine Frau hat sie gekauft. Ich wollte einfach mal schauen: Wie funktioniert so eine Aktie eines Fußball-Vereins? Bis jetzt habe ich viel Geld damit verloren.“

... 1860 München: „Wenn uns der TSV 1860, aus welchen Gründen auch immer, bitten sollte, aus dem jetzigen Vertrag auszusteigen, dann werde ich die Kapelle, die die Sechziger aus dem Stadion begleitet, persönlich mit dem Defiliermarsch anführen.“

... Trainerentlassungen: „Wenn einer 100 Millionen verdient, dann ist er trotzdem noch ein Mensch. Und wenn er kein Arschloch ist, dann geht ihm das nahe, wenn er seine Arbeit nicht mehr weitermachen darf.“

... die Gegner der Nationalmannschaft: „Wenn man gegen Liechtenstein spielt, kann man auch gegen den FC Tegernsee spielen.“

... Hannover und 50+1: „Auch wir sind für die Abschaffung dieser Regel, auch wenn wir sie nie anwenden wollen. Ohne Hannover zu nahe treten zu wollen, aber die Marke wird mit einem Investor auch nicht besser.“

... feiernde Profis: „Die müssen sich doch mal den Frust von der Seele saufen. Wir haben doch früher auch auf dem Oktoberfest die Maßen reingelassen.“

... über den UEFA-Cup: „Als Schalke den UEFA-Cup gewonnen hat, wollten sie dort den Notstand ausrufen. Wenn Werder im Halbfinale spielt, flippen alle aus und tragen grün-weiße Unterwäsche - aber wenn Bayern da spielt, ist es plötzlich der Verlierer-Cup.“

Hoeneß wird keine Autobiografie schreiben, hat er versprochen. Vielleicht auch deshalb, „weil ich dann noch weiter auswandern müsste“, und nicht nur bis nach Australien. Dabei ist er ja nie einer Konfrontation aus dem Weg gegangen, und manchmal, räumt er ein, „bin ich übers Ziel hinausgeschossen“. Allerdings gehört Hoeneß zu den Menschen, die sich erstens auch entschuldigen können und zweitens nicht nachtragend sind. Nur mit „ein, zwei, drei Leuten“ werde er wohl nicht mehr warm werden. Christoph Daum etwa, oder Willi Lemke.

Der öffentliche Uli Hoeneß hat über Jahrzehnte hinweg polarisiert wie wohl kein Zweiter im deutschen Fußball. Er war die „Abteilung Attacke“, er hat sich, bisweilen wohl kalkuliert, mit jedem angelegt, der seiner Meinung nach Blödsinn erzählt oder gemacht hat. Vor allem, wenn es um den FC Bayern geht, kannte und kennt er nur Schwarz und Weiß. Hoeneß greift sogar den eigenen Anhang frontal an, wenn der sich tatsächlich über „die Scheißstimmung“ im Stadion beschwert oder „Koan Neuer“ in München sehen will.

Hoeneß war immer ein Mann der Gegensätze. So arrogant, so überheblich, so kotzbrockig er in seiner Zeit als Manager oft auch rüberkam, so einfühlsam, so bodenständig, so väterlich-freundschaftlich ist er wohl in Wahrheit auch. Und es gibt zahlreiche Beispiele, in denen Hoeneß ohne großes Aufhebens menschliche Größe zeigte, Verantwortung übernahm, gescheiterten Weggefährten, vom Schicksal schwer getroffenen ehemaligen Spielern oder auch heruntergewirtschafteten Klubs zur Seite sprang.

Hoeneß hatte immer eine klare Meinung, er vertritt sie, oft mit hochrotem Kopf, stets mit großer Entschlossenheit, oft folgt er dabei seinem Bauchgefühl. Und vor allem hat er Rückgrat, steht zu dem, was er sagt und tut. „Habe ich so nie gesagt“ - nie gehört von Hoeneß. Als Präsident wirkt er mittlerweile etwas präsidialer. Er äußert sich, in Talkshows, bei Podiumsdiskussionen, häufiger auch zu Themen, die nichts mit dem Fußball zu tun haben. Aber Hoeneß, ein Mann mit gesundem Menschenverstand, hat immer etwas zu sagen. Halbe Sachen hat Hoeneß nie gemacht. Schon als Kind nicht, als er sich bei den Eltern zielstrebig Pfennig um Pfennig erarbeitete, um einen 34 Mark teuren Fußball zu kaufen, mit dem er dann der Chef auf dem Bolzplatz war.

Nicht minder beharrlich machte er den FC Bayern zum sportlichen und wirtschaftlichen Primus in Deutschland. Als er anfing, hatten die Münchner 7,5 Millionen Mark Schulden, Hoeneß hatte aber schon ein Jahr zuvor als Spieler einen Sponsorendeal an Land (Magirus-Deutz) gezogen, die Vertragsunterschrift erfolgte auf einem Bierdeckel. Hoeneß hatte Visionen - und setzte sie um. Er entdeckte unter anderem das Merchandising, wie der Handel mit allerlei Fanartikeln neudeutsch heißt. Für den FC Bayern und damit für die Bundesliga.

Er eröffnete Fanshops, einen davon in einem riesigen Einkaufszentrum in Oberhausen, um „die Dortmunder und die Schalker zu ärgern“. Das Merchandising allein brachte dem FC Bayern in der abgelaufenen Saison knapp 44 Millionen Euro ein, und auf dem von Hoeneß gerne zitierten Festgeldkonto liegen 130 Millionen Euro. Einmal aber, da ging selbst der selbstbewusste Kraftmeier beinahe in die Knie. Das war 2000, die Daum-Affäre. „Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, ich weiß nicht mehr weiter“, sagt Hoeneß, „ich hatte nicht einen Gegner, nicht zwei, sondern die ganze Welt. Ich hatte das total unterschätzt, ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, ich habe die Situation nicht im Griff.“ Was ihn am Ende rettete, war die „wahnsinnige“ Entscheidung von Daum, sich einer Haarprobe zu unterziehen: „Da hatte ich Glück, dass er das gemacht hat.“

Glück hatte Hoeneß auch am 17. Februar 1982, als er als einziger von vier Insassen einen Flugzeugabsturz überlebte. Eine Zeitlang hat er diesen Tag als zweiten Geburtstag gefeiert, es dann aber sein lassen, weil er nicht einen Tag feiern wollte, an dem drei andere Menschen starben. Sein Leben hat er, obwohl geplant, nach diesem Ereignis nicht verändert: „Nach einem halben Jahr war es wie immer.“ Und schon eine Woche nach dem Absturz hatte er wieder in einem Flugzeug gesessen. In einem Alter, in dem andere an Rente denken, will Hoeneß erst mal nicht kürzertreten. „Ich genieße mein Leben in vollen Zügen“, sagt er, das Beispiel „von vielen Freunden, die zwischen 60 und 70 sind, die Top-Manager waren und die nichts mehr machen“, sieht er als Warnsignal: „Deren Alterungsprozess ist dramatisch.“ Also macht er weiter.

In den kommenden fünf Jahren will er den FC Bayern so aufstellen, dass es auch mal ohne ihn weitergehen könnte, selbst wenn er weiß, dass zumindest sein Charisma nicht zu ersetzen ist. Seine persönlichen Ziele klingen bescheiden. „Ich glaube“, sagt Hoeneß, „dass es das Wichtigste ist, sagen zu können: Man ist zufrieden. Immer höher, immer schneller, immer weiter - das geht nicht.“ Fast scheint es, als sei der junggebliebene Uli Hoeneß ein wenig altersmilde geworden.

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