Abiturienten haben für ihren Berufseinstieg von allen Schulabsolventen die größte Auswahl – das macht es nicht einfacher. Für die meisten ist ein Studium selbstverständlich, doch mancher zieht eine berufliche Ausbildung in einem Betrieb oder ein duales Studium in Erwägung. Rolf Lachmann, Berufsberater für Abiturienten der Arbeitsagentur Köln, rät einerseits zu sorgfältiger Selbstanalyse, andererseits zu Gelassenheit. „Wir reden nicht von der einen, alles entscheidenden Weichenstellung fürs Leben. Jeder kann sich später weiterentwickeln, Nicht-Akademiker können im Beruf genausoweit kommen wie Hochschulabsolventen.“
Frage der Persönlichkeit
Wer sich zwischen Ausbildung und Studium entscheidet, muss zwei Aspekte berücksichtigen: Der erste umfasst die eigenen Interessen und Ziele, der andere strategische Fragen: Bekomme ich überhaupt einen Studien- oder Ausbildungsplatz nach meinem Wunsch, wie sind die späteren Arbeitsplatz- und Verdienstmöglichkeiten? „An die persönlichen Fragen sollte jeder offen herangehe “, rät Lachmann. Zu einem Studium gehört Lernfreude und -bereitschaft, Interesse an weitergehenden Fragestellungen und das Potenzial, sich immer wieder selbst zu organisieren und zu motivieren. Ganz wichtig: „Vielen jungen Leuten ist gar nicht bewusst, dass sie zwischen Universität und Fachhochschule noch einmal echte Alternativen haben.“ Wer Interesse an wissenschaftlichen Fragen und Reflexion hat, neugierig ist und Dingen gern auf den Grund geht, ohne sich gleich zu fragen, wofür das in der Praxis gut ist, ist an der Uni gut aufgehoben. Und wer eher pragmatisch und praxisorientiert denkt und lernt, für den ist die FH der direktere Weg, so Lachmann.
Nicht unterschätzen
Mancher hat hingegen nach dem Gymnasium die Nase voll vom Lernen und möchte sich lieber frischen Wind um die Ohren wehen lassen. Das kann „Work & Travel“ im Ausland, eine Freiwilligenjahr oder einfach eine Auszeit mit Gelegenheitsjobs sein, um danach vor dem Hintergrund neuer Erfahrungen eine Entscheidung zu treffen. 25 bis 30 Prozent aller Abiturienten entscheiden sich aber gleich für eine betriebliche Ausbildung. „Damit verbaut sich niemand etwas“, sagt Lachmann. „Unser Berufsausbildungssystem ist sehr renommiert. Wer mehr will, kann später noch studieren, auch berufsbegleitend, oder sich mit IHK-Weiterbildungen qualifizieren.“ Mehr als die Hälfte aller FH-Studenten haben vorher eine Berufsausbildung absolviert. Damit dürfte zumindest für sie der Vorwurf der Arbeitgeber entkräftet sein, dass Hochschulabsolventen zu wenig Praxiserfahrung und Persönlichkeit mitbringen. „Häufig bringt eine Ausbildung wertvolle ergänzende Kenntnisse für ein Studium“, so Lachmann.
Was in der Praxis zählt
Generell rät er im Zweifel zu „kleinen Schritten“. Im Klartext: Bevor sich jemand mit einem halbherzig gestarteten universitären Studium übernimmt, kann er besser erst einmal eine Ausbildung absolvieren und später zur FH gehen. „Die Ausbildung schützt, wenn es im Studium dann doch nicht so klappt.“ Die Rechnung, dass Akademiker später einmal bessere Jobs bekommen, geht heute ohnehin nicht mehr auf. Lachmann: „In vielen Unternehmen zählen die persönlichen Qualitäten mehr als formelle Abschlüsse, da gibt es keine simple Hierarchie mehr.“ Ob Master, Bachelor oder gut qualifizierter Praktiker, „das ist längst nicht mehr entscheidend“. Ausnahme: Wer genau weiß, dass er Arzt, Strafverteidiger oder Lehrer werden will, muss natürlich an die Uni. Lachmann: „Und eins ist natürlich auch klar: Ein Studium erweitert den Horizont und fördert die geistige Beweglichkeit. Aber nur bei entsprechender Motivation.“
Duales Studium
Als Elite-Programm gestartet, ist die Kombination aus betrieblicher Ausbildung und Bachelor-Studium inzwischen eine beliebte Möglichkeit, Theorie und Praxis zeitsparend unter einen Hut zu bekommen. Die Teilnehmer schätzen das Duale Studium wegen der guten Berufsaussichten und der Einkommenssicherheit, Firmen aller Größen und Branchen bieten dieses Programm gern an, weil die Absolventen gut ausgebildet und mit Betriebspraxis in den Beruf starten. Sie werden fast immer übernommen.
www.arbeitsagentur.de
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